Wie in normalen Schulen gab es auch auf der Wahrsageakademie eine meinungsbildende Avantgarde, die exzentrisch und exaltiert war und gelegentlich auch ein wenig alpha-jockig. Im Unterricht lasen sie ab und zu demonstrativ in Bücher, die wenig mit dem Lehrplan zu tun hatten. Da wurde Kafka hervorgeholt, Nietzsche, Rimbaud oder Macchiavelli. Wenn mal moderneres auftauchte, waren Autoren wie Christian Kracht, Nick Cave oder William S. Burroughs dabei.

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Musikalisch distanzierte man sich natürlich vom normalgruftigen Rest. Wenn wavig, dann höchstens Klassiker wie Cure oder Bauhaus, nur keine der neueren Sachen. Dann schon lieber die poppigen Blow Monkeys oder Velvet Underground, wegen „Underground“ und der Andy-Warhol-Banane auf dem Cover des ersten Albums.
Kleidungstechnisch kaufte man im gegenüberliegenden Exzentrik ein, wie die meisten Leute der Schule, die auf ihr Aussehen achteten. Doch die avantgardistischeren Mitschüler mischten noch eine Prise Schlossalleeboutique dazu oder kombinierten die schwarzen Exzentrik-Klamotten mit Unikaten aus dem elterlichen Dachboden, die früher meist Mods waren, oder Beatniks.

Auch auf geistiger Ebene konnte man mit dem Eso-Mainstream nicht ganz so viel anfangen. Gegen den Altmeister Crowley wollte natürlich niemand etwas zu Negatives sagen, wenngleich eine leicht spöttelnde Haltung zu einigen seiner Ansichten und Äußerungen von einem aufgeklärten und differenzierenden Geist zeugten. Mit Räuchern aber konnte man nur wenig anfangen, zumindest nicht mit dem Räucherwerk aus dem Hexenladen. Mit Engelkontakten oder Kristallkugellesen gingen gar nicht, was natürlich ein wenig selbstbeschränkend war. Selbst in Séancen versuchte man nicht etwa, Leute wie Madame Blavatsky oder Mademoiselle Lenormand zu rufen, sondern suchte eher den Kontakt zu Leuten wie Bugsy Siegel, Vlad Tepes oder Cecil Rhodes.

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