Jede Schule hat einen Kiosk, der Schüler mit Schreibutensilien, Süßigkeiten oder z.B. Sammelbilder ausstattet. Der Kiosk der Wahrsageakademie war logischerweise kein normaler Schreib- und Lottoladen. Lottoscheine konnte man da zwar abgeben, sogar verhexte, und auch Stifte oder Hefte wurden angeboten, doch wirkte das kleine Ladengeschäft wie ein Kiosk, der so tat, als ob das ganze Jahr über Halloween wäre. Kein Wunder, die Betreiberin war schließlich eine Hexe.

Neben Tageszeitungen und TV-Magazinen wurden dem Besucher Zeitschriften und teilweise auch Bücher zu allen möglichen esoterischen Themen angeboten. Wahrsagen und Tarot, Parapsychologie und magische Rituale, alternative Heilkunde und Chanelling. Man fand in den Regalen Räucherstäbchen und anderes Räucherwerk, Dolche, Statuen von Drachen und Feen, Zutaten wie Alraunen oder Bilsenkraut und viele weitere Produkte für den esoterischen Bedarf.

Die Kunden des Ladens waren vor allem gegenwärtige wie ehemalige Schüler der Wahrsageakademie. Auch die Besitzerin, die Hexe Samantha, ging einst auf unsere Schule. Kein Wunder, dass sie interessierten Anwohnern Termine für Tarotsessions, Rückführungen und ähnliche Beratungsleistungen in ihrem Hinterzimmer angeboten hat. Auch Akademieschüler nahmen gelegentlich Rat der erfahrenen Hexe an.

Das größte Interesse rief bei den Schülern aber alleine schon aus Tradition das jeweils aktuelle Sammelalbum eines Tarotkartenverlages hervor. Der Verlag brachte zu Beginn jedes Schuljahres ein Sammelalbum mit einem oder zwei Kartensets heraus, je nachdem ob es sich um ein umfangreicheres Tarotset oder um Wahrsagekarten handelte. Zur Zeit unserer 2a waren es zwei unterschiedliche Interpretationen von Lenormandkarten, eine eher naive und eine düstere mit vielen abstrakten Symbolen.
Als Schüler war man jedes Mal gespannt, welche Abziehbilder einen beim Öffnen einer Packung erwarteten. Man tauschte natürlich untereinander, doch es war nicht leicht, ein ganzes Album bis zum Ende des Schuljahres zu schaffen. Dafür musste schon ein wenig investiert werden.
Im nachhinein kommt es einem unlogisch vor, sich diese Abziehbildchen zu kaufen. Die abgebildeten Kartensets konnten nicht einmal zum Legen verwendet werden und ausschneiden brauchte man sie sicher nicht. Man gab also mehr Geld für das Sammeln aus, als die Bestellung der jeweiligen Tarotkarten bei dem Verlag gekostet hätte. Und trotzdem sammelten Generationen von Schüler wie verrückt diese Bilder. Vermutlich waren sie verhext. Doch vielleicht hatte der Verlag einfach nur eine geniale Marketingstrategie, oder einfach jenes Glück, zur richtigen Zeit das richtige Produkt angeboten zu haben, das schnell in die Lebenskultur der Wahrsageschüler überging.

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