Die erste Klassenfahrt sorgte schon im Vorfeld für viel Wirbel. Obwohl die gesamte 2a über das Reiseziel abgestimmt hatte und es ein eindeutiges Ergebnis gab, weigerten sich der Klassenlehrer und die Lehrkraft für esoterische Geschichte, mit uns nach Rotterdam zu fahren. Man hatte in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen damit gemacht. Somit wurde ein demokratisch zustande gekommenes Ergebnis aus Bequemlichkeit ignoriert, was für mehrere Artikel in der Schülerzeitung und Beschwerden beim Rektor führte. Natürlich brachte das lediglich ein wenig geheucheltes Verständnis. In einer neuen „demokratischen“ Abstimmung hatten wir dann die Wahl zwischen Einöde im Wald und Einöde in den Bergen. Wir entschieden uns wegen des nahe gelegenen gruseligen Friedhofes für die Berge. Und nahmen uns fest vor, uns schlimmer aufzuführen, als wir es in Rotterdam jemals getan hätten. Das klappte immerhin ganz gut.

Barnabas, der in unserem Zimmer war, nahm sein Hexenbrett mit. Ein Jahr später hätte er sich deshalb den Ruf eines Strebers zugezogen. Da der Umgang mit Witchboards in der zweiten Klasse noch verboten war, hatte das Ganze so jedoch etwas von einem geheimen Unterfangen, in das niemand sonst eingeweiht wurde.

So kam es, dass wir bei einer Séance Bobby kennenlernten. Bobby war nicht irgendein Geist einer verstörten Seele, die keine Ruhe fand. Er war ein Werwolf, jung gestorben, wenige Jahre nach seiner Schicksal weisenden Bar Mitzwa. Das war der Tag, an dem er und 200 Gäste herausfanden, dass er ein Werwolf ist.

Anscheinend war Bobby der erste Werwolf seiner Linie. Es gab keine Eltern, die ihn darauf vorbereiten konnten. Das Schicksal hätte ihn beinahe zum Werwolf-Urahn gemacht. Das erzählte er uns zumindest durch das Hexenbrett. Doch Bobby war so schockiert über die neu entdeckte Animalität, dass er Angst hatte, jemanden zu verletzen. Und so flüchtete er in den Wald und irrte die ganze Nacht herum. Als er sich wieder in einen Menschen zurückverwandelt hatte, traute er sich nicht mehr nach Hause zurück. So wurde Bobby nicht nur zum Wolfskind. Das Wolfsrudel, das ihn aufnahm, schien ihn sogar als Alphatier zu akzeptieren und befolgte seine Anweisungen. Und das obwohl er meist ein Mensch war.

Wir befragten in den folgenden Nächten immer wieder das Hexenbrett, um festzustellen, woran Bobby nun gestorben war. Doch der wollte damit nicht herausrücken. Wurde er von Dorfbewohner gejagt oder von einem stärkeren Werwolf, der sich in seinem Revier verletzt gefühlt hatte, zur Strecke gebracht? Erst als ein wenig Vertrauen aufgebaut war, rückte er mit der Wahrheit heraus.
Bobby fühlte sich zum anderen Geschlecht stark hingezogen und schlich sich immer wieder in die Nähe unseres Landschulheims. Dort trafen regelmäßig Klassenfahrten ein. Und einige Mädchen, frühere Schülerinnen der Wahrsageakademie, machten sich traditionsgemäß einen Spaß daraus, sich bei Vollmond selbstopfernd auf einem Grab dem nächsten Vampir oder Werwolf zur Verfügung zu stellen. Nur zu gerne war Bobby bereit, hier auszuhelfen, da es sonst keine Werwölfe und Vampire in der Gegend gab. Nur leider ging das nicht lange gut. So kam dann irgendwann eine Klasse mit starken schwarzmagischen Tendenzen in das Landschulheim. Aus einem besonders verwerflichen Grund brauchten sie das Blut eines Werwolfs. Erst wollte uns Bobby den Grund nicht verraten, doch wir beackerten ihn gemeinsam über das Witchboard, bis er schließlich damit herausrückte. Es ging darum, eine alte babylonische Gottheit zu erwecken, die irgendwo im Abyssos schlief.

Den gemeinen Jungs und Mädels gelang es tatsächlich, Bobby mit einer List zu überwältigen. Dieser war ganz auf den aufreizend hergerichteten Lockvogel auf dem Grab konzentriert und übersah die übrigen kleinen Bösewichte, die ihm mit Chloroform betäubten. Als er wieder zu Sinnen kam, fand er sich fast ausgeblutet als Teil eines Rituals wieder, angekettet und noch immer halb betäubt. Ihm wurde schnell klar, was vor sich ging und was da aus den Tiefen der untersten Hölle auf die Erde gerufen werden sollte. Und so rief er seinerseits sein Wolfsrudel, doch nicht um den Schülern den Garaus zu machen, sondern ihm selbst. Er befahl ihnen, ihn aufzufressen. Bobby musste bis zum Ende des Rituals am Leben sein. Doch den Gefallen tat er den dunklen Nachwuchsskolaren nicht.

Wir fassten nicht, dass er sich nicht noch rächte und bohrten weiter, was aus den schwarzmagischen Schülern wurde. Warum hatte er sie nicht bestraft? Wir mochten Bobby und fanden das, was ihm widerfahren ist, nicht in Ordnung. Doch der Werwolf-Geist erzählte, was weiter geschah. Durch den Abbruch des Rituals wurde die gefährliche babylonische Gottheit unabsichtlich in eine spirituelle Falle gelotst. Stark geschwächt musste sie in den Abyssos zurückkehren. Doch sie wusste ganz genau, wer die Beschwörer waren, die sie in diese Falle gerufen hatte. Sämtliche schwarzmagischen Schüler hatten kein besonderes Glück mehr in ihrem Leben. Sie landeten entweder in Nervenheilanstalten, brachten sich um oder wurden teilweise sogar von schleimigen Wesen in irgendwelche Tiefen gezogen.

Und die Moral der Geschichte, die uns das Hexenbrett erzählte: Man legt sich nun mal nicht mit einem Werwolf an, der einfach nur in Frieden leben möchte. Und babylonische Gottheiten beschwört man schon dreimal nicht.

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