Normalerweise durfte man in die Wahrsageakademie keine Tiere mitnehmen. Ratte war das aber egal. Ratte war Punker und hatte so absolut gar nichts gruftiges, poppiges oder sonstwie kulturelles an sich. In der Schule war er stets ein Außenseiter. Niemand verstand, warum er auf die Akademie ging. Er mochte weder die Fächer, noch die Lerninhalte und erklärte, dass es ihm einfach egal war, was er paukte. Er sah für sich und sein Haustier sowieso keine Zukunft. Vor allem sah er aber keinen Sinn darin, auf einer Schule Sachen auswendig zu lernen.
Die Wahrsageakademie war zwar auch nur eine Schule, aber immerhin interessierten sich die Leute für die Dinge, die unterrichtet und geprüft wurden. Vielleicht nicht für alles, aber für vieles. Vor allem wenn die Lehrer einem darauf aufmerksam machten, dass man für dieses oder jenes Wissen noch nicht bereit war. Dazu gehörte die Nekromantie, die erst im letzten Schuljahr unterrichtet wurde.

Ratte besaß eine wirkliche, lebendige, animalische Ratte. Daher auch sein Spitzname. Ihr Name war Bela Lugosi. Sie war laut Ratte alt, sehr alt, kurz vor dem abnippeln.
Stella mit dem Schlangenhaar geriet ungefähr zu der Zeit des Vorfalls, der noch beschrieben werden soll, in eine heftige Nekromantiephase. Sie musste einfach mit allem herumexperimentieren, was tot war. Keine totgeschlagene Fliege oder Spinne war vor ihr sicher. Derartiges wurde von ihr beschlagnahmt und sofort der Versuch unternommen, es wieder zum Leben zu erwecken, was aber nie funktionierte.

Wenn Ratte mit seinem gleichnamigen Haustier spielte, trat aber ein ganz besonderer Glanz in ihre Augen. Es war so, als ob sie eine besondere Bestimmung mit dem Tier verband. Vielleicht hatte sie auch etwas Nekromantisches mit Ratte selbst vor, doch das konnte nie bewiesen werden und darum geht es hier nicht. Gehen wir mal einfach davon aus, dass sie sich für Bela Lugosi interessierte und nicht für sein Herrchen. Die Sommerferien ließen dieses Interesse aber erst einmal verebben.

Als am 16. August das neue Schuljahr begann, es regnete, donnerte und war kalt, ruhte ihr Blick weiter auf Ratte. Gelegentlich fingerte sie unter der Schulbank herum und es war klar, dass sie irgend etwas mit ihrer Voodoopuppe anstellte. Zufällig war der 16. August auch der Todestag von Bela Lugosi – damit ist der echte Lugosi gemeint, der Dracula-Darsteller.

Etwas später stand Ratte auf. Er hatte Tränen in den Augen und alle sahen ihn an, einschließlich des Lehrers in „Christlicher Weltanschauung“, das neue Fach ab der dritten Klasse.
„Es ist Bela.“, stammelte Ratte. „Bela Lugosi ist tot.“
In diesem Moment leuchteten Stellas Augen vor Triumph auf. Der Lehrer in „Christlicher Weltanschauung“ war im Gegensatz zu dem Rest seiner Kollegen eher autoritär eingestellt. Man durfte selbst in die Wahrsageakademie keine Tiere mitbringen, und so musste Ratte mit seinem geliebten wie toten Bela Lugosi auf seinem Platz sitzen bleiben, bis zur Pause. Das war hart, denn Ratte schien wirklich mitgenommen zu sein.

Rattes Zustand war Stella natürlich egal. In ihrem Kopf gab es in dem Moment nur eines, den Kadaver von Bela Lugosi. Als es gerade zappenduster war, wegen des Sommergewitters draußen, war der Moment wohl besonders günstig. Stella murmelte ein paar altgriechische Beschwörungsformeln, nahm die Wurzel einer Alraune und deutete auf das tote Tier. Es blitze genau in diesem Augenblick. Und die gesamte Klasse wurde Zeuge eines kleinen nekromantischen Wunders. Bela Lugosi erwachte wieder zum Leben.
„Was hast du mit Bela gemacht, du Monster!!??“, flippte Ratte völlig aus, als sein Tier ihm aus der Hand glitt und unter die Schulbänke durchflitzte.

Es waren vor allem die Strebermädchen, die sich auf ihre Stühle stellten und schrien. Doch auch einige Jungs hatten das Bedürfnis, auf Tische und Stühle zu steigen, damit sie nicht von dem untoten Bela Lugosi berührt werden konnten. Dieser spürte die Panik und rannte umso wilder durch die Reihen. Er wirkte fast wie zu Lebzeiten, nur seine Augen schimmerten irgendwie grünlich.
Der Lehrer kam sich besonders schlau vor und versuchte Bela Lugosi mit seiner fetten Bibel zu erschlagen. Keine Chance.
„Lasst ihn am Leben!“, protestierte Ratte.
Das war leider unmöglich. Auch ohne offiziellen Nekromantieunterricht wussten alle, dass man Untotes nicht aus den Augen lassen darf. Das hätte eine kleine Epidemie zur Folge gehabt und die ganze Schule wäre früher oder später zu einem Hort untoter Nagetiere und Insekten geworden.
„Stella!“, giftete sie der Religionslehrer an. „Das hast du verbockt, also richte es wieder, bevor ich den Schulleiter rufe.“
Es war ein Stich in die Voodoopuppe, mehr nicht. Und schon schlug die untote Ratte Bela, die gerade an dem Schuh von Radu heftig knabberte, einen Salto. Dann blieb sie regungslos liegen.

Radu sprang auf: „Ich glaube, Bela Lugosi ist jetzt endgültig tot.“

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