Die wahrsagenden Roboter

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Unter den Schülern der Wahrsageakademie herrschte eine recht vielfältige Kultur. Dabei handelte es sich genau genommen um Subkultur. Trotz all der individuellen Erscheinungsabsichten konnte man die Schüler oft sehr eindeutig in Kategorien einteilen.

wahrsagerobby

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Natürlich gab es die Normalos oder Streber. Sehr viele Schüler bzw. Studenten der Akademie waren sehr engagiert, wollten nicht anecken oder böse auffallen und waren die reinsten Paukmaschinen, sobald Klausuren anstanden oder Wissen sonst wie abgefragt wurde. Neben diesen Strebern gab es noch vor allem die Grufties und Waver, die nur schwer voneinander zu unterscheiden waren. Die Waver waren vielleicht weniger morbide. Neben all den anderen weniger stark vertretenen Subkulturen wie den Poppern, Psychos oder Avantgardisten gab es zwei Gruppen, die man als völlige Ausnahmeerscheinungen betrachtete und die es zahlenmäßig gemeinsam auf höchstens fünf oder sechs Leute brachten. Damals hatten wir noch keine Ahnung, dass sie die Zukunft ewigjugendlicher Milieus waren und später noch stark an Quantität zulegen würden. Es waren die Rapper auf der einen Seite und die Nerds – oder auch Geeks – auf der anderen.

Ja, es gab wirklich Esonerds. Und folglich war es nur eine logische Konsequenz, dass unsere Schulnerds irgendwann wahrsagende Roboter bauten, die Orakelsprüche und Zukunftsprognosen verkündeten.
Für Nerds sind Roboter so etwas wie Kultgegenstände. Unsere esoterisch wie divinatorisch affinen Schulgeeks waren dafür naturgemäß genauso leicht zu begeistern wie Teeniemädchen für Gossip, Mode und Popmusik. Nur während die Nerds anderer Schulen Killerbots erschufen, die gegeneinander antraten, um sich mit Kreissägen und Bohrern gegenseitig zu verschrotten, beschlossen unsere lieber friedlich zu bleiben und hellsichtige Roboter zu erschaffen. Für das Wahrsagen war bei diesen frühen mechatronischen Prototypen ein kleines Programm zuständig, das natürlich mithilfe eines Zufallsgenerators Prophezeiungen nach dem Losverfahren ausspuckte.

In unserer Klasse hatten wir zwei davon herumstehen. Eigentlich war es nur einer, da sich der andere zumeist in der Reparatur befand. Die Lehrer hatten nichts dagegen, dass ihr Unterricht gelegentlich mal von einem Kommentar unterbrochen wurde.
Orakelsprüche wie „Heute wird sich wohl jemand verlieben.“, erzeugten so manches „Ohh!“ und „Wie süüüß!“. Und selbst Deutungen wie „Ein guter Tag zum Sterben.“ oder „Tanz mit den Teufeln.“ wurden eher inspirierend aufgefasst. Einmal debattierten wir sogar zwei Schulstunden lang über den Kantschen Imperativ, der Rashids Roboter mal entfuhr, als der Rektor wegen Bestechung und Steuerhinterziehung eine polizeiliche Durchsuchung der Schulbüros verschuldete. Das sollte sich aber als falscher Verdacht herausstellen.

Wie alle guten Dinge nahm es auch mit den Wahrsagerobotern ein Ende. Es war die Dekadenz und das ständige Überschreiten neuer Grenzen, das ihren Exodus in die hintersten Winkel der Schränke ihrer Erbauer förderte. Als erstes beschwerte sich Anabel, weil sie ein paar der Sprüche als diffamierend empfand. Anabel war auch die zweite, die sich bescherte, weil die Roboter irgendwann anfingen, ihr Röckchen zu lüften oder ihr diskriminierend hinterherpfiffen. Nach diesen Harmlosigkeiten wurden die Maschinen aber auch wirklich missbräuchlich genutzt, und zwar zum Spicken während Prüfungen.

Das war aber nur das vorübergehende Ende der Roboter. Rashid sollte Jahrzehnte später in die Heimat seiner Eltern zurückkehren und dort eine ganze Fabrik kaufen, um die örtlichen Marktplätze und anderen Treffpunkte mit Wahrsagerobotern zu versorgen, die ihren Besitzern jede Menge gespendeter Rupien für Zukunftsdeutungen nach dem Losprinzip einbringen sollte. Doch das ist eine andere Geschichte.

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Valentinstag der Liebe

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Wer denkt, dass der Valentinstag auf der Wahrsageakademie keine Bedeutung hat, nur weil die Leute eher in schwarz und in Leder, als in rosarot daherkommen, irrt einfach. Klar, der Valentinstag ist bunt und ein Geschenk an die Blumenlobby. Doch es werden Leute zusammengebracht, die gerne einen Partner hätten, für wie lange und für was ist mal zweitrangig.

Da konnte man noch so alternative Musik auf der Party spielen. Ob man seinen Schieber zu New Wave oder zu den Top Ten Hits tanzt spielt am Ende keine Rolle. Es ist immer noch eine Valentinsparty.

Die Streber/innen auf der Wahrsageakademie haben sowieso keinen Hehl daraus gemacht, was sie von einem solchen Tag der Liebe halten, nämlich sehr viel. Die Tarotkarten kamen gar nicht mehr zur Ruhe, bei all den Fragen. Eine der Streberinnen, Anabel, hat sogar ein eigenes Liebestarot gezeichnet, das sie für Fragen konzipiert hat, die mit dem Zusammensein und Beziehungen zu tun haben, oder auch mit nicht erwiderten Gefühlen, was ebenfalls zu einem Valentinstag gehört.

Anabel konnte eine Valentinsverabredung mit einem der älteren Jungs aus der Abschlussklasse verbuchen, so wie das Liebestarot ihr das prophezeit hat. Sie meinte unbedingt Stella provozieren zu müssen. Sie fragte sie nach ihrem Date und verzichtete nicht, ihr unter die Nase zu reiben, dass sie von dem Traumtypen schlechthin abgeholt wurde. Das alles wurde begleitet von abfälligen Gesten und unverhohlener Antipathie.

Stella blieb kühl und beantwortete die Frage nach ihrem Date sachlich.
„Ich denke ich werde einen Ritter der Goetia treffen.“, antwortete sie.
„Typisch …“, zischte Anabel. „Andere Leute suchen die Liebe, die greifst zu einem der schwarzmagischsten Bücher, die es gibt, und beschwörst damit einen Dämon.“
„Denkst Du etwa, wir werden keine Liebe machen?“, lachte Stella. „Und wenn wir damit fertig sind, werde ich ihn bitten, Dir deinen bescheuerten Abend zu vermiesen.“

Da das Date von Anabel wirklich katastrophal verlief, war diese Konversation der Beginn einer Feinschaft, die noch lange anhalten sollte. Doch das ist eine andere Geschichte.

Silvesterparty

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An der Schule wurde vor Weihnachten beschlossen, eine akademieeigene Silvesterparty zu veranstalten. So wie es die Leute auf der Akademie gerne mögen. Eine lokalprominente Lifeband sollte auftreten und zwei DJs, der gruftig-wavige aus dem Antischick, der elektronische aus dem St.Quentins. Wave und alternativer Rock sollte bis Mitternacht gespielt werden, Techno dann bis vier oder länger.

Als Silvesterbrauch setzte sich auf der Wahrsageakademie mit den Jahren das Bleigießen durch, wie so ziemlich überall. Nur dass wir verhextes Blei verwendeten. Das war in dem Jahr sogar wichtiges Unterrichtsthema, mit dem Tipp, die Unterlagen bei der Vorbereitung zur Halbjahresprüfung auf jeden Fall noch mal zu durchzuarbeiten.
Das Blei war auf eine Art verhext, dass es sich wie eine flexible Kombination aus Natur und menschlichem Bewusstsein verhielt. Das Blei bildete wirklich extrem künstlerische Formen, die es so nirgends auf der Welt gab. Nur war es leider nicht so stabil wie gewöhnliches Blei. Die Bleigießformen zerfielen kurz nach ihrer Betrachtung. Und nur der Benutzer konnte sie vollständig erkennen. Die gegossene Bleifigur anderer Leute nahm man nur als silbernen Nebel wahr. Bei Liebespaaren kommt es aber immer wieder vor, dass die auch problemlos die Figur des Partners betrachten können.

Ich fühlte mich befremdlich, als ich gegen Halbelf beim großen Bleigießen die Figur von Stella erkennen konnte. Wir hatten gerade mal eine Stunde miteinander gequatscht, wenn man die vergangenen eineinhalb Schuljahre in der Summe nahm. Warum sollte ausgerechnet ich ihren komischen Affen sehen, der etwas von einer indischen, wenn nicht atlantischen Gottheit hatte und auch etwas außerirdisches. Dagegen war mein kleiner Junge mit Gipsmaske richtig unscheinbar, wenn auch deutlich kafkaesker als Stellas Affengottheit. Viel wichtiger, wie man das ganze nun deuten sollte, war damals für mich die Frage, warum ich ihre Bleiwahrsagung sehen konnte. Und wenn man ihren verblüfften Gesichtsausdruck betrachtete, konnte sie auch erkennen was ich in der Hand hielt. In dem Augenblick stellte ich mir Stella ganz ohne Schlangen im Haar vor. Das war irgendwie der Höhepunkt des Abends.