Glückskekse

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Nach der Schule aßen wir manchmal bei einem Chinesen, nicht weit von der Akademie. Manchmal ging es auch erst nach Hause und dann traf man sich dort am Abend, als Vorprogramm zum eigentlichen Ausgehen.
Aber egal zu welchem Anlass wir in das chinesische Lokal gingen, die Glückskekse waren immer eine Attraktion. Kein Wunder, schließlich saßen da lauter angehende Wahrsager und Magier am Tisch, die mit Weissagungen konfrontiert wurden. Oft belustigte man sich an den Glückskekssprüchen, einfach weil die kleinen Zettelchen in den meisten Augen nicht wirklich mit den komplexen Tarotlegungen aus der Schule konkurrieren konnten. Doch wie so oft üblich können auch die einfachsten Weissagungsmethoden oft die erstaunlichsten Ergebnisse liefern.

Was aber Ronny geschah, das kam sogar in die Schülerzeitung. Er sollte aufpassen, dass ihm keine Fliegen in den offenen Mund flogen, riet ihm damals sein Glückskeks. Was soll man zu so einem Ratschlag schon sagen. Gut, mach ich – keine Angst wird schon nicht. Wir vermuteten, dass „Fliegen in den Mund fliegen“ für etwas anderes stand, etwas chinesisches, das nicht wortwörtlich zu nehmen war. Der Kellner konnte auch nicht weiter helfen.

Später auf dem Weg in das „Trash“, einer der damaligen Top-Discos im Ort, fuhr Ronny, angetrunken vom Reiswein, mit dem Fahrrad Schlangenlinie. Plötzlich warf es ihn hin, und er begann mehr oder weniger um sein Leben zu röcheln. Anscheinend konnte er nicht atmen. Wir standen alle apathisch herum, zumal sich die beiden Klassenstreber, Thomas und Anabel auf ihn stürzten und alle möglichen Erste-Hilfe-Maßnahmen durchführten. Erst ein Tritt von Radus Knie in Ronnys Rücken sorgte für Besserung und rettete ihm womöglich das Leben. Denn der Tritt brachte Ronny endlich dazu, die fette schwarze Schmeißfliege auszuwerfen, die sich irgendwie in seine Atemwege verfangen hatte. Ronny hätte wirklich auf den Glückskeks hören sollen, anstatt sich laut über einen solchen dummen Aberglauben lustig zu machen. Das jedenfalls bekam er den Rest seiner Schulzeit zu hören. In der ganzen Schule war er ab diesem Augenblick der Typ, der beinahe an einer fetten Fliege erstickt wäre, obwohl ihn keine zwei Stunden vorher ein Glückskeks davor gewarnt hatte.

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Fasching in der Wahrsageakademie

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Immer wenn es in unserer Schule auf die Faschingszeit zuging, hätte man meinen können, dass die Toten aus ihren Gräbern auferstanden wären, dass die in die hinteren Winkeln des Abyssos verbannten Sukkubusse einen Weg zurück auf die Erde gefunden hätten und alle möglichen Personen aus der Geschichte aus dem Totenreich zurückgekehrt wären.
Auch an einem normalen Schultag ging es auf der Wahrsageakademie manchmal zu wie an Fasching. Alleine schon Stella mit ihrem lebendigen Schlangen in ihren Haaren oder Radu, der manchmal wie Bela Lugosi aussah. (Nicht Bela Lugosi, die untote Ratte des gleichnamigen Punkers „Ratte“, sondern der Vampirdarsteller.) Man hätte meinen können, dass man so etwas an einem Kostümfest nicht übertrumpfen konnte. Doch die gesamte Akademie bewies jedes mal, dass es immer noch möglich war.

Radu ging da mit besonders gutem Beispiel voran. Während er im Alltag wie ein normaler Vampir aussah, schien er an Fasching in den Krieg zu ziehen, mit Morgenstern, Helm und einer wie aus dem Museum gestohlenen Ritterrüstung. Vermutlich hatte er die noch aus dem Schloss seiner Eltern in Rumänien.
Obwohl ich nicht immer darauf erpicht war aufzufallen, an Fasching trat ich gerne mal aus der unauffälligeren Rolle und zeigte etwas Farbe. Ich ging als Alien, und zwar nicht als der freundliche E.T., sondern als das Alien aus dem Film „Alien“. Meine Eltern arbeiteten beim Film und schufen gerne solche Kostüme aus PVC und anderem Kunststoff. Da es auf Faschingspartys meist dunkel war, konnte ich Leuten, die zur falschen Zeit am falschen Ort um die Ecke kamen, manchmal einen riesigen Schrecken einjagen. Ein als Fee verkleidetes Mädchen überschüttete mit tatsächlich mit Weihwasser. Es war ein Reflex, wie sie nachher lachend meinte.
Wie erwartet deklassierte Stella mit ihrer Illusionsmagie all unsere Kostüme. Sie ging als Banshee. Und wenn Stella als böse Geisterfee ihr Unwesen trieb, war sie transparent. Alle nahmen sie durchsichtig wahr, die gesamte Jury des Maskenballwettbewerbs, alle Anwesenden, die staunenden Lehrer. Sie schwebte einen halben Meter über den Boden und ihre Stimme erzeugte Echos, während sie sprach. Das hörte sich dermaßen faszinierend an, dass ich sie dauernd in ein Gespräch verwickelte. Irgendwann gingen wir Hand in Hand nach draußen in den Schulhof. Mehr was da aber nicht. Das musste wirklich merkwürdig ausgesehen haben. Ein Geist und ein Alien, die am nächtlichen Himmel gemeinsam nach dem von Wolken bedeckten Mond suchten.