Immer wenn es in unserer Schule auf die Faschingszeit zuging, hätte man meinen können, dass die Toten aus ihren Gräbern auferstanden wären, dass die in die hinteren Winkeln des Abyssos verbannten Sukkubusse einen Weg zurück auf die Erde gefunden hätten und alle möglichen Personen aus der Geschichte aus dem Totenreich zurückgekehrt wären.
Auch an einem normalen Schultag ging es auf der Wahrsageakademie manchmal zu wie an Fasching. Alleine schon Stella mit ihrem lebendigen Schlangen in ihren Haaren oder Radu, der manchmal wie Bela Lugosi aussah. (Nicht Bela Lugosi, die untote Ratte des gleichnamigen Punkers „Ratte“, sondern der Vampirdarsteller.) Man hätte meinen können, dass man so etwas an einem Kostümfest nicht übertrumpfen konnte. Doch die gesamte Akademie bewies jedes mal, dass es immer noch möglich war.

Radu ging da mit besonders gutem Beispiel voran. Während er im Alltag wie ein normaler Vampir aussah, schien er an Fasching in den Krieg zu ziehen, mit Morgenstern, Helm und einer wie aus dem Museum gestohlenen Ritterrüstung. Vermutlich hatte er die noch aus dem Schloss seiner Eltern in Rumänien.
Obwohl ich nicht immer darauf erpicht war aufzufallen, an Fasching trat ich gerne mal aus der unauffälligeren Rolle und zeigte etwas Farbe. Ich ging als Alien, und zwar nicht als der freundliche E.T., sondern als das Alien aus dem Film „Alien“. Meine Eltern arbeiteten beim Film und schufen gerne solche Kostüme aus PVC und anderem Kunststoff. Da es auf Faschingspartys meist dunkel war, konnte ich Leuten, die zur falschen Zeit am falschen Ort um die Ecke kamen, manchmal einen riesigen Schrecken einjagen. Ein als Fee verkleidetes Mädchen überschüttete mit tatsächlich mit Weihwasser. Es war ein Reflex, wie sie nachher lachend meinte.
Wie erwartet deklassierte Stella mit ihrer Illusionsmagie all unsere Kostüme. Sie ging als Banshee. Und wenn Stella als böse Geisterfee ihr Unwesen trieb, war sie transparent. Alle nahmen sie durchsichtig wahr, die gesamte Jury des Maskenballwettbewerbs, alle Anwesenden, die staunenden Lehrer. Sie schwebte einen halben Meter über den Boden und ihre Stimme erzeugte Echos, während sie sprach. Das hörte sich dermaßen faszinierend an, dass ich sie dauernd in ein Gespräch verwickelte. Irgendwann gingen wir Hand in Hand nach draußen in den Schulhof. Mehr was da aber nicht. Das musste wirklich merkwürdig ausgesehen haben. Ein Geist und ein Alien, die am nächtlichen Himmel gemeinsam nach dem von Wolken bedeckten Mond suchten.

Advertisements