Kunstunterricht für streunende Katzen

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Auf der Wahrsageakademie bekam der Kunstunterricht einen besonderen Stellenwert. Dem Malen und Zeichnen wurde viel zeit gewidmet. Der damalige Rektor betrachtete die künstlerische Darstellung als intuitive Selbsterfahrung und somit als Wahrsagetraining. Wir hatten jede Woche drei Doppelstunden. Den meisten gefiel es und der Rest konnte meist ebenfalls damit leben, mit Temperafarben herumzuklecksen anstatt numerologische Geheimnisse auf rechnerischem Wege zu entschlüsseln.
Wessen Werke bei der Kunstlehrerin Interesse weckte, durfte sogar mit Ölfarben experimentieren. Die besten Bilder des Halbjahres wurden prämiert und in der großen Pausenhalle aufgehangen. Es war das große Artprojekt der Schule. Sogar die Presse berichtete darüber, was damals noch wirklich nicht so häufig vorkam. Wer da landete, hatte nicht ur eine eins in diesem Nebenfach sicher, sondern konnte vielleicht sogar eine Erwähnung im Stadtanzeiger erhalten. Trotzdem wollten einige Schüler mehr.

Ölmalerei zerspringt

Kunst und Materie

Es kam in Mode, seine Bilder zu verhexen. Das fiel eigentlich niemandem besonders schwer, vor allem nicht den Leuten, die gut in Kunst waren. So begannen die Bilder irgendwann kleine Steinchen auf Schüler zu schleudern, es über ihren Köpfen regnen zu lassen oder ihnen Verunglimpfungen hinterherzuflüstern. Noch häufiger waren aber die Lehrer Opfer dieser Streiche. Leider dauerte es nicht lange, bis die Lehrer ein Gegenmittel gefunden hatten. Mit einem Gegenfluch klapperten sie sämtliche Werke ab. Die schuldigen Bilder verloren an Stabilität und verwandelten sich in eine Art Antimaterie, die aber nur jede Farbe aus dem Bild nahm. Übrig blieb eine Art Tiefschwarz auf Leinwand, das einem Gänsehaut einjagte. Doch gegen die Lehrer gab es zum Glück auch einen guten Fluch. Wer fleißig und kreativ war hatte im Kusntunterricht schließlich gelernt, mit Ölfarben umzugehen. Um gegen die Macht der Lehrer geschützt zu sein, hatte man sie mit einem Schutzschild zu versehen.

Kurz vor Ostern wurden die neuen Bilder gekürt. Da man den Verhexern von Seiten der Schule diesmal sofort auf die Schliche kommen wollte, begannen einige freiwillige Lehrer diesmal sofort loszulegen und testeten die Farben auf den Bilder auf ihre spirituelle Integrität. Eigentlich hätte sich nichts tun dürfen, wie bei einem normalen Bild. Doch anscheinend hatte sich da jemand mit dem Schutzzauber verrechnet, denn er war nicht in der Lage, sich dem Willen der erfahrenen Lehrkörper völlig entgegenzustellen. Und so zersprangen die Gebilde und gemalten Formen in Millionen Stücke, wie üblich, doch anstatt einem grusligen Tiefschwarz zu weichen blieben sie irgendwann stehen. Und das vor den Augen der Presse, die gleich über das Wunder von der Akademie berichten konnte. Ein Sammler aus Kanada bot fünf Millionen für alle Gemälde – und die Schule, die der rechtmäßige Besitzer von Allem war, was jemand in der Zeit auf der Akademie erstellte, willigte ein.
Die Mittel flossen einem wohltätigen Zweck zu. Der Rektor hatte eine Schwäche für Katzen. Und so öffnete, auch dank unserer Arbeit, nicht weit der Wahrsageakademie ein Heim für streunende Katzen.

Der Zombie-Aprilscherz

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Markus war bei uns so etwas wie der Klassendödel. Er führte sich einfach so peinlich auf, dass man Magenkrämpfe bekam. Es zählte zu den Strebern. Das lag nicht etwa daran, dass die ihn sonderlich mochten. Er fand einfach jene esoterischen Dinge gut, für die sich die Klassenstreber ebenfalls interessierten, also weniger Schwarze Magie, sondern dafür mehr Engelbotschaften und wissenschaftlich fundierte Divination.
Was Markus aber nicht kapierte war, dass die cooleren Leute, die etwas experimenteller unterwegs waren, das nicht taten, um krass und Outsiders zu sein, sondern aus tatsächlichem Interesse. Und auch die Streber fuhren nicht deswegen auf Engel oder Feen ab, weil sie es etwa in ihrer Einfalt nicht besser wussten, sondern weil sie daran glaubten und es für den Weg hielten, der für sie der beste war. Für Markus existierten solche Dinge wie Glauben und Interesse nicht. Er wollte vor allem dazugehören, wollte es Leuten recht machen und hatte absolut keine eigenen Positionen. Wie man weiß kann eine solche Haltung in keiner Schule zu einem guten Ruf führen, wenn man nicht zufällig ein extrem gewinnendes Charisma besitzt. Markus hatte jedenfalls keines.

Clown der Angst vor Zombies hat

Zombiealarm!

Irgendwann im März beschloss Markus, die Streberecke zu verlassen. Er bemerkte, dass er trotz ideologischer Gemeinsamkeiten keine Freunde fand, zumindest nicht auf die Weise wie er sich das vorstellte. Natürlich wollte Anabel nicht mit ihm ausgehen, nur weil er, wie viele andere auf der Schule, sich zufällig auch für Numerologie interessierte, ebenfalls eine Streberdomäne.
So entschied sich Markus, zur Dark Side zu wechseln. Das wirkte natürlich ein wenig lächerlich. Er kam weniger wie ein Vampir oder ein düsterer Magiegelehrter, sondern eher wie deren Gehilfe rüber. Und zwar wie jene Sorte, die völlig inkompetent sind und deshalb verheizt, geopfert oder verraten werden.

Es war kurz vor Aprilanfang, selbst die dunkelsten Grufties hatten den Winter bereits völlig satt, da suchte Markus auffällig die Nähe Nestors. Um zu mehr delikaten Informationen zu kommen, wie er verkündete. Dazu muss man sagen, dass Nestor ein typischer Geheimgelehrter der alten Schule ist. Sein voller Name lautet Nestor von Wolfenstein. Er entsprang einem Geschlecht von Blutern, alles traditionelle Alchimisten und geheimpolitische Ränkeschmieder. Die gesamte Familie gehörte zu den Leuten, die viele Leichen im Keller hatten, vermutlich das Geheimnis des Steins der Weisen in ihren Besitz wähnten und in Drittweltländern mit vielen Rohstoffen Schürfrechte besaßen, vermutlich weil sie den letzten Militärputsch mit einfädelten.
Mit Nestor selbst konnte man gut auskommen, solange es bei einem oberflächlichen Verhältnis blieb und die Etikette gewahrt wurde. Die bedeutete vor allem eines: Fernbleiben und keine Neugierde an seinen Aktivitäten oder schulischen Fortschritten zeigen. Markus hatte für solche sozialen Spitzfindigkeiten kein Gespür. Er kam auf die Kumpelschiene und auf „wir beiden geheimnisvollen Außenseiter“.

Das Sonderbare war, dass Nestor irgendwie darauf einstieg. Sie hingen tatsächlich in der Pause zusammen herum und blätterten gemeinsam in Unterlagen. Das fanden andere Schüler wie Stella oder Radu sehr merkwürdig. Da man zu Nestor eigentlich kein übles Verhältnis hatte, konnte man da schon mal nachfragen, was genau die neue Freundschaft zu Markus auf sich hatte.

Wie geahnt verfolgte diese Freundschaft andere Zwecke, als es Markus lieb war. Nestor hatte vor, wen wundert’s, ihm eine Lehre zu erteilen. Er war erleichtert, dass wir sofort bemerkten, dass da was nicht stimmen konnte. Ihm war diese demonstrativ zur Schau gestellte Freundschaft ein wenig peinlich, wie er zugab.

Für seinen Aprilscherz benötigte er Stella. So offen und teamorientiert kannte man den jungen Baron von Wolfenstein nicht, sodass wir kurz Angst hatten, nicht selbst Opfer eines Scherzes hinter dem Aprilscherz zu werden. Doch dagegen trafen wir unsere Maßnahmen. Stella, deren Fähigkeiten wirklich immer erstaunlicher wurden, hielt dafür einen beschworenen Golem in der Rückhand.

Als Markus sich am 31. März kurz vor Mitternacht mit einem Spaten auf den Friedhof schlich, war schon alles vorbereitet. Nestor kam auf die Idee, wie einst Frankenstein einen Humunkoloss zu erschaffen und gewann Markus als seinen Gehilfen, der ihm nun eine Leichte zu besorgen hatte. Der Klassendödel war wohl dazu bereit, denn er begann tatsächlich zu graben. Dabei scheute er nicht einmal davor zurück, das Grab eines verstorbenen Priesters zu entweihen. Das konnten wir so nicht zulassen, einfach weil es zu weit ging. Aus dem Grund belegte Stella die Gebeine des Predigers mit einem kleinen Fluch.
Als Markus seine ersten Spatenstiche begann, setzte sich etwas unter der Erde ebenfalls in Bewegung. Markus grub tiefer, das andere Dinge stieg höher, bis es schließlich aus der Erde schoss. Es war eine Skeletthand, die sich plötzlich um den Hals des Klassendödels legte. Das war Stellas Werk. Man kann sich denken, wie Markus brüllte und schrie. Damit hatte er nicht gerechnet. Er befreite sich von der Hand und rannte.

Am nächsten Tag in der Klasse, es war der erste April, erschien Markus pünktlich, auch um seinem neuen Meister von seinem Versagen zu berichten. Dieser wollte das gar nicht Einsehen, machte sich über ihn lustig, wie man denken konnte. An der Erschaffung eines nekromantischen Humunkoloss beteiligt sein wollen, aber vor einer lebendig gewordenen Zombiehand des Weite suchen. Demonstrativ wandte sich Nestor von seinem Gehilfen ab. Doch was dann folgte, verschlug uns allen die Sprache. Stella und Nestor erzeugten mit vereinten Kräften ein wahnhaftes Spektakel.

Als Markus alleine am Schulklo war, setzten sie sich in Bewegung. Sie kamen von Irgendwo und verstopften plötzlich das halbe Stockwerk. Eine Armada von Zombies hatte nur ein Ziel, nämlich Markus zu berühren. Ihr Brummen wurde immer lauter, bis man auf einmal Verzweiflungsschreie aus dem Klo hörte. Das ging ungefähr eine Halbe Stunde so, da jeder einzelne Körper sich erst auflösen konnte, sobald eine Berührung mit Markus stattfand. Und diese Berührungen fühlten sich eklig an, wir hatten das vorher an uns selbst getestet. Irgendwann hörte mit dem letzten Zombie das Geschrei auf. In der Toilette fanden wir einen wimmernden Möchtegernnekromanten vor.

Eigentlich war es der fieseste Aprilscherz, den es je auf der Wahrsageakademie gab. Oder zumindest der Zweitfieseste. Doch der Scherz erfüllte auch einen positiven Zweck. Gut möglich, dass Markus so seine Bestimmung fand. Denn er meldete sich von der Akademie ab und beschloss Priester zu werden. Um dem Licht zu dienen, wie er allen erklärte, und nie wieder mit der Dunkelheit in Berührung zu kommen. Dabei blickte er uns an, als ob wir die Vertreter der Dunkelheit waren. Gut, dass man ihm nicht die Möglichkeit gab, sich der heiligen Inquisition anzuschließen.