Als es langsam immer wärmer wurde und der Frühling immer mehr das Gesicht des Sommers zeigte, schmissen wir eine Klassenparty. Unter freiem Himmel. Wenn die Temperaturen steigen hat man eben Lust, sich häufiger draußen zu bewegen. Also stimmten wir über einen geeigneten Ort ab, an dem man auch grillen konnte, und verteilten die Lasten. Unser größter Financier war dabei das Phrasenschwein.

In der Klassenkasse befand sich ein ganz ordentlicher Betrag, den wir natürlich unserem Sparschwein verdankten, das jedes mal, wenn jemand eine abgedroschene Phrase oder eine altkluge Weisheit von sich ließ, einen Fünfer aufnahm. Leicht verdientes Geld auf einer Schule für Wahrsagen und Esoterik.

Am schwersten hatten es dabei die Lehrer:

„Wie oben so unten.“
„Phrasenschwein!“

„Jeder Pol hat seinen Gegenpol.“
„Das macht einen Fünfer!“

„Alles ist relativ.“
In diesem Fall genügte ein mitleidvoller Blick der Klassengemeinschaft und der Lehrer zahlte halbwegs unaufgefordert.

Phrasenschwein

Das Phrasenschwein

Das Phrasenschwein hatte einen wirklich positiven Effekt auf den Unterricht. Da unsere Dozenten kein Interesse daran hatten, das Klassenzimmer mit Miesen zu verlassen (Einkommen abzüglich Strafzahlungen), peppten sie den Unterricht auf. Keine abgedroschenen Sätze mehr, keine langweiligen Zitate. Und wenn eine Phrase unvermeidlich war, musste eben in die Tasche gegriffen werden. Als Alternative konnten die Lehrer die Phrase auch mit Vorwarnung anmelden. Dann wurde keine Gebühr fällig. Dennoch wurde eine solche Ankündigung nicht gerne gesehen.

Alles Gute findet mal sein Ende. Bald wurden immer mehr Begehrlichkeiten einzelner Leute oder kleiner variierender Gruppen durchgesetzt. Es wurden Wörter indiziert und somit für den Unterricht nur noch bei Zahlung der Strafgebühr zugelassen. Wir wählten Unwörter der Woche, die natürlich auch danach noch auf dem Index blieben. Wir erweiterten die Phrasenregelung auf Aussagen, die in den Gängen gemacht wurden, wenn sie vor oder nach dem Unterricht stattfanden. Wir entschieden sogar, Wörter zu verbieten, die von bestimmten Lehrern sehr häufig benutzt wurden wie „also“ oder „gell“. Wenn jemand nieste und eine andere Person versehentlich „Gesundheit“ sagte, kostete das auch einen Fünfer. Ebenso wie die Erwiderung „Was ist an diesem Morgengut?“ auf ein normales „Guten Morgen.“ Und so kam es dann, dass die Lehrer über eine eigene Verfügung Phrasenschweine für ungültig erklärten, zumindest im Unterricht und in allen anderen Lehrer-Schüler-Interaktionen. Das war der Tag, als unsere Phrasenschweine zu ordinären Sparschweinen degradiert wurden.

Dabei begannen gerade andere Klassen uns nachzueifern und ihre eigenen Phrasenschweine einzuführen. Die von der Parallelklasse bastelten sich im Kunstunterricht sogar eine Phrasenmumie aus Klopapier und Kleister. Sie war einen Meter hoch war und in ihrem Mund befand sich ein Schlitz für die Scheine und Münzen. Zum Einsatz kam sie leider nie. Zumindest nicht sofort und auch in einer ganz anderen Funktion. Doch das geschah in einem anderen Schuljahr und hatte nichts mit Phrasen, Menschen oder Regeln zu tun.

Advertisements