Irgendwann im Sommer des zweiten Schuljahres hat sich eine ganz neue Mode ausgebreitet. Sie war einer pharmazeutischen Erfindung zu verdanken, die angeblich auf alte Hexenkunst zurückging. Von einem großen Pharmakonzern wurde ein neuartiges Schlafmittel auf den Markt gebracht. Dieses war in der Lage, das Bewusstsein für wenige Minuten wegdösen zu lassen und einen zukunftsweisenden Traum zu bescheren. Immer!

Sternenhimmel mit Feuerwerk

Wahrheitstraum

Die Wahrsageakademie bestellte gleich auf Vorrat. Es war abzusehen, dass dieses neue und begehrte Mittel eine Revolution unter Wahrsagern und Hellsehern auslösen dürfte. Tarotkarten, Kristallkugeln oder Orakel, sie alle konnten mit den neuen und schillernden Zukunftsträumen nicht mithalten. Diesmal wollten die Dozenten schneller sein und die Substanz so bald wie möglich in den Unterricht integrieren. Man überlegte schon, ein neues Fach einzuführen: Wahrsagen mit Traumpräparaten. Man fühlte sich auf der Welle einer neuartigen Renaissance reiten, die Elemente des Mittelalters und der Antike in unsere moderne esoterische Welt zurückbrachte. Das galt für die Schüler, die Lehrer, eigentlich für alle Leute, die sich für Esoterik, Tarot und die Zukunftsdeutung interessierten.

Die Nachrichten in diesen kurzen Träumen waren nie sehr eindeutig. Doch es kam etwas Besonderes in das Bewusstsein, etwas sehr Progressives. Da gab es Träume, in denen man alleine durch Schlossalleen spazierte, mysteriösen Wesen begegnete oder sich selbst mit verzerrter Echostimme sprechen hörte. Dampflokomotiven, die größer waren als Kreuzfahrtschiffe, brachten einen an utopische Ziele, die auf keiner Landkarte verzeichnet waren, weil nicht von dieser Welt. Die Menschen, die einem in diesen Träumen begegneten, hingen manchmal an Maschinen, die ihnen Leben ermöglichten oder ihre übersinnlichen Fähigkeiten extrem steigerten. Ihre Nachrichten hatten stets etwas von einem Orakelspruch oder einer Prophezeiung. Manchmal sprach man auch mit Tieren, die einen vor zukünftigen Gefahren warnten. Einige Schüler begegneten in einer Bar alle demselben Menschen. Es war ein breitschultriger Barkeeper mit zurückgegelten Haaren und einer tiefen Narbe, mal auf der linken, dann wieder auf der rechten Gesichtshälfte. Er wirkte mürrisch und auch ein wenig hinterhältig, aber er hatte stets eine treffende Vorausschau zu bieten.

Das Medikament stieß ein neuartiges Tor auf. Eine klare und geordnete Welt bekam auf einmal etwas Surrealistisches. Die Grenzen zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit schienen immer mehr zu verschwimmen. Die Wahrsagungen, die man nach einem solchen Traum von sich gab, wirkten auch zunehmend wie ein Wunschkonzert. Nicht die objektive Welt war mehr die bestimmende Realität, sondern unsere inneren Vorgänge, denen sich die Materie unterzuordnen hatte. Einige Leute fanden recht bald einen Weg, ihre Leben völlig nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Wir hatten plötzlich Villenbesitzer unter den Lehrern und Schülern. Einer der Dozenten, der tatsächlich von einer geheimnisvollen Millionärsfamilie mit einem Faible für Spukhäuser ein kleines Vermögen grundlos geschenkt bekam, setzte sich sofort zur Ruhe. Kurz darauf folgten auch jene Schüler seinem Beispiel, die wie er anscheinend das Geheimnis gelüftet hatten, die Zukunft, die ihnen im Traum vorhergesagt wurde, im voraus zu gestalten.

Sehr bald wurde das Traummedikament vom Markt gezogen. Angeblich verstieß es gegen so ziemlich jede Vorschrift, gegen die ein Medikament nur verstoßen konnte. Juristen war es ein Rätsel, warum es überhaupt zugelassen wurde. Der zuständige Produktmanager des Pharmakonzerns war auf jeden Fall verschollen. Das letzte mal, als man ihn sah, brach er alleine auf eine Himalaja-Expedition auf. Seitdem galt er als vermisst. Die übrigen Verantwortlichen konnten sich gleich gar nicht erklären, wieso das Präparat in den Handel kam.

Uns Schülern der Akademie – und vermutlich noch Millionen anderer Menschen – freute dieser kleine „Fehler“ der Industrie, ganz zu schweigen von jenen Lebenskünstlern, die herausfanden, wie sie mithilfe ihrer Träume das Leben in ein Wunschkonzert verwandeln konnten. Alle fühlten eine sehr ähnliche Wahrheit. Das neu entdeckte Potenzial wurde zwar durch das Präparat entdeckt, doch das Gesehene war Wirklichkeit und keine Illusion. Wahrsagen, Wunscherfüllung und das magische Gestalten der Realität, das alles schlummerte im Menschen und seiner Wahrnehmung, nicht in irgendeiner Substanz, die nicht mehr erhältlich war und deren Zutaten mit dem Produktmanager verloren gingen.

Der Unterricht kehrte recht bald zur Normalität zurück, doch nach den Erlebnissen, nach den Möglichkeiten, die vor unseren Nasen gehalten wurden, sollte nie wieder etwas so sein wie zuvor.