Im neuen Schuljahr wurde ein neues Fach eingeführt, für das wir vorher noch nicht bereit waren. Es hieß Dämonologie. Ursprünglich sollte es vom Lehrplan genommen werden. Das Kultusministerium für Magie und Wahrsagerei wollte es so, doch die einzelnen Lehranstalten hatten ihre rechtlich abgesicherte Souveränität. So kam es, dass unsere Wahrsageakademie und ein katholisches Mädcheninternat sich diesen Vorschlag des Ministeriums widersetzten, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen. Das von Nonnen geführte Internat wollte seine Schülerinnen vor dem Bösen und der Versuchung warnen und deren Widerstandskraft stärken, unter anderem durch praktische Übungen. Die Wahrsageakademie wollte ihren Schülern dagegen auch die dunklen Künste nicht vorenthalten und ihnen auch darin Fähigkeiten vermitteln, unter anderem durch praktische Übungen. So kam es, dass wir eine Theorie-Doppelstunde die Woche hatten, und eine Doppelstunde Beschwörung.

Der Lehrer warnte bereits in der ersten Stunde Beschwörungspraxis, dass wir uns auf ein Abenteuer einließen, von dem wir möglicherweise nicht zurückkehren würden. Blablabla. Keiner der Schüler war neu auf der Akademie und alle hatten wir so manchem Schrecken ins Gesicht gesehen. Ein Wesen, das in der astralen Welt beheimatet war und nicht gerade mit scharfen Klauen vor einem stand, hatte nur eine begrenzte Abschreckungskraft auf die meisten von uns.
Während der Beschwörungspraxis alberten wir teilweise herum und gingen alles sehr leger an. Wenn mal jemand wirklich einen Dämon (bzw. ein Wesen welches behauptete, einer zu sein) an der Strippe hatte, wurde keine große Sache daraus gemacht. Es war einfach normal, als ob man sich aus einem Stapel Skatkarten die Zukunft deutet.

Eines Morgens wachte Kennie auf und ertappte sich dabei, zu sprechen. Er schilderte uns, wie eine grüne Flüssigkeit aus seinem Mund kam, während die Worte „Ron ist hier!“ noch halb im Schlaf über seine Lippen gingen. Am Tag zuvor hatte er im Beschwörungsunterricht tatsächlich Kontakt mit einem Wesen namens „Ron“. Im Gegensatz zu den anderen Dämonen wollte dieser keine Geschäfte vorschlagen und Kennie auch zu keinen Handlungen antreiben. Er begnügte sich damit, Grimassen zu schneiden und Kennie minutenlang anzulachen. Als Beweis nahm Kennie den grünlich vollgesabberten Bezug seines Kissens mit.

Im Laufe der folgenden Wochen wurde der einst unscheinbare Junge irgendwie anders. Er war auf einmal … cool. Auf vielfältige Weisen. Als er in einer Schlägerei mit einem Rekruten der Staatssicherheit geriet, die ihre Schule ein paar Straßen weiter hatten, löste er die Situation so, dass er dem Raufbold einen Denkzettel fürs Leben verpasste, und den drei Schlägern, die ihm zu Hilfe eilten, gleich mit dazu, aber auf eine Art, die sie nicht etwa ins Krankenhaus beförderte, sondern einfach nur demütigte, sodass diese das Ganze lieber geheimhalten wollten und nicht versuchten, ihn und seine Familie ins Arbeitslager sperren zu lassen.
Kennie erhielt immer mehr Wertschätzung und Respekt, von Lehrern wie von Schülern. Das lag nur teilweise an seinem neuen Auftreten und Styling. Er hatte plötzlich etwas Verwegenes und gleichzeitig Trauriges in den Augen und sah aus wie eine Mischung aus junger Marlon Brando und James Dean.
Irgendwann erschien er Hand in Hand mit Stella. Er hatte tatsächlich Stella herumbekommen, die Mieder aus Leder trug und Lackstiefel. Stellas Liebhaber waren selten unter dreißig und meist wohnten sie in schicken Maisonettewohnungen oder sogar in alten Burgen. Doch irgendetwas fand sie wohl an Kennie.

Wir sprachen ihn im späten Herbst mal an, was denn nun mit seiner Besessenheit wäre, mit dem grünen Schleim und dem Dämon mit dem Namen „Ron“. Kennie zuckte nur mit den Schultern.
„Wer?“
Wir sagen ihm schweigend nach. Dann brachen ein paar der Schüler gleichzeitig das Schweigen.
„Oh mein Gott! Sie haben Kennie getötet!“