Besessen

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Im neuen Schuljahr wurde ein neues Fach eingeführt, für das wir vorher noch nicht bereit waren. Es hieß Dämonologie. Ursprünglich sollte es vom Lehrplan genommen werden. Das Kultusministerium für Magie und Wahrsagerei wollte es so, doch die einzelnen Lehranstalten hatten ihre rechtlich abgesicherte Souveränität. So kam es, dass unsere Wahrsageakademie und ein katholisches Mädcheninternat sich diesen Vorschlag des Ministeriums widersetzten, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen. Das von Nonnen geführte Internat wollte seine Schülerinnen vor dem Bösen und der Versuchung warnen und deren Widerstandskraft stärken, unter anderem durch praktische Übungen. Die Wahrsageakademie wollte ihren Schülern dagegen auch die dunklen Künste nicht vorenthalten und ihnen auch darin Fähigkeiten vermitteln, unter anderem durch praktische Übungen. So kam es, dass wir eine Theorie-Doppelstunde die Woche hatten, und eine Doppelstunde Beschwörung.

Der Lehrer warnte bereits in der ersten Stunde Beschwörungspraxis, dass wir uns auf ein Abenteuer einließen, von dem wir möglicherweise nicht zurückkehren würden. Blablabla. Keiner der Schüler war neu auf der Akademie und alle hatten wir so manchem Schrecken ins Gesicht gesehen. Ein Wesen, das in der astralen Welt beheimatet war und nicht gerade mit scharfen Klauen vor einem stand, hatte nur eine begrenzte Abschreckungskraft auf die meisten von uns.
Während der Beschwörungspraxis alberten wir teilweise herum und gingen alles sehr leger an. Wenn mal jemand wirklich einen Dämon (bzw. ein Wesen welches behauptete, einer zu sein) an der Strippe hatte, wurde keine große Sache daraus gemacht. Es war einfach normal, als ob man sich aus einem Stapel Skatkarten die Zukunft deutet.

Eines Morgens wachte Kennie auf und ertappte sich dabei, zu sprechen. Er schilderte uns, wie eine grüne Flüssigkeit aus seinem Mund kam, während die Worte „Ron ist hier!“ noch halb im Schlaf über seine Lippen gingen. Am Tag zuvor hatte er im Beschwörungsunterricht tatsächlich Kontakt mit einem Wesen namens „Ron“. Im Gegensatz zu den anderen Dämonen wollte dieser keine Geschäfte vorschlagen und Kennie auch zu keinen Handlungen antreiben. Er begnügte sich damit, Grimassen zu schneiden und Kennie minutenlang anzulachen. Als Beweis nahm Kennie den grünlich vollgesabberten Bezug seines Kissens mit.

Im Laufe der folgenden Wochen wurde der einst unscheinbare Junge irgendwie anders. Er war auf einmal … cool. Auf vielfältige Weisen. Als er in einer Schlägerei mit einem Rekruten der Staatssicherheit geriet, die ihre Schule ein paar Straßen weiter hatten, löste er die Situation so, dass er dem Raufbold einen Denkzettel fürs Leben verpasste, und den drei Schlägern, die ihm zu Hilfe eilten, gleich mit dazu, aber auf eine Art, die sie nicht etwa ins Krankenhaus beförderte, sondern einfach nur demütigte, sodass diese das Ganze lieber geheimhalten wollten und nicht versuchten, ihn und seine Familie ins Arbeitslager sperren zu lassen.
Kennie erhielt immer mehr Wertschätzung und Respekt, von Lehrern wie von Schülern. Das lag nur teilweise an seinem neuen Auftreten und Styling. Er hatte plötzlich etwas Verwegenes und gleichzeitig Trauriges in den Augen und sah aus wie eine Mischung aus junger Marlon Brando und James Dean.
Irgendwann erschien er Hand in Hand mit Stella. Er hatte tatsächlich Stella herumbekommen, die Mieder aus Leder trug und Lackstiefel. Stellas Liebhaber waren selten unter dreißig und meist wohnten sie in schicken Maisonettewohnungen oder sogar in alten Burgen. Doch irgendetwas fand sie wohl an Kennie.

Wir sprachen ihn im späten Herbst mal an, was denn nun mit seiner Besessenheit wäre, mit dem grünen Schleim und dem Dämon mit dem Namen „Ron“. Kennie zuckte nur mit den Schultern.
„Wer?“
Wir sagen ihm schweigend nach. Dann brachen ein paar der Schüler gleichzeitig das Schweigen.
„Oh mein Gott! Sie haben Kennie getötet!“

Seance mit Jim Morrison

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Das neue Schuljahr hatte gerade begonnen. Doch statt Aufbruchstimmung und neuen Vorsätzen machte sich eine Art Hippiestimmung breit. Und das, obwohl es eigentlich schon Herbst war. Ein sehr warmer Herbst, allerdings. Eine Hitzewelle zog über das Land und sorgte dafür, dass man sich wie kurz vor Ferienbeginn fühlte. Da konnten einem die Dozenten noch so sehr mit neuem Stoff daherkommen. Wenn es nicht gerade freakig war, verloren die Lehrer sofort die Aufmerksamkeit eines großen Teils der Klasse.

Hippie kam frisch in Mode. Das war ein Phänomen für sich. Traditionell zählte die Wahrsageakademie eher der wavigen, gruftigen und teilweise sogar punkigen Subkultur an. Das Ansehen von Hippies hält sich in derartigen sozialen Gefilden sehr in Grenzen. Andererseits ist nicht alles gleich Schmuddelhippie, was aus den späteren Sechzigern und früheren Siebzigern kommt. Hendrix und Morrison genießen außerdem überall ein gewissen Ansehen, selbst wenn man mit der Musik nichts anfangen kann. Doch selbst das konnten wir.

Hippiegrafik

Aus einem kleinen Kassettenrekorder lief, wenn die Lehrersitauttion das zuließ, ständig etwas aus dieser Zeit. Nicht gerade die Mamas an the Papas oder die Beach Boys. Schon eher so etwas wie The Cream oder The Doors. Als Esoteriker in Ausbildung war es aufgrund solcher musikalischer Berieselung nur logisch, dass man irgendwann beginnt, verstorbene Hippies in einer Séance anzurufen.

Wir blieben etwas länger in der Schule und besetzen dafür einen offenen Raum. Eigentlich wollten wir das mit einem Pendel durchziehen, doch Stella überzeugte uns, schnell ein Hexenbrett zu basteln. Dafür zerlegten wir sogar eine Schulbank und ritzten mögliche Antworten hinein. Wir ahnten da noch nicht, dass die Antwort, die wir bekommen sollten, anderer Natur war.

Als der Abend langsam hereinbrach, kehrten wir aus dem Stadtpark, wo wir Musik hörten und gigantische Sandwiches aßen, in die Schule zurück. Radu torkelte ein wenig. Vermutlich hatte er zu viel Bier zu all den Sandwiches getrunken. Er meinte, er war zu beschäftigt damit, seinem Vorbild Jim Morrison zu folgen, um noch Sinne für die materielle Realität zu entwickeln. Sinn einer Séance ist aber nicht „folgen“, sondern „rufen“. Das ist ein gewaltiger Unterschied, vor allem wenn es um die Beschwörung der Geister von Verstorbenen dreht. Und diesen einen Geist versuchten wir, dann auch zu beschwören.

Es war erstaunlich einfach und erschreckend real. Als ob er nur darauf gewartet hat, uns zu erscheinen. Das machte er ganz spektakulär. Es war nicht nur der Marker des Witchboards, der ausschlug. Er erschien in voller Größe, wie ein Hologramm. Dabei ertönte eine Hintergrundmusik, die völlig unsere Spätsommerstimmung traf. Summer’s almost gone. Ohne zu wissen, woher die Gänsehaut kam, ob von der Poesie dieses Beatnikschamanen oder von der Tatsache, dass er schon lange Zeit in Paris begraben liegt.

Wir stellten ihm Fragen, doch er spöttelte nur und verwies uns auf die unzählige Literatur zu seiner Person. Er wollte weder Gefallen tun, noch welche Empfangen. Als Stella auf die Idee kam, Methoden der Dämonenanrufung auf Jim anzuwenden, sah er sie nur scharf an. Die hielt ein und legte ihr Buch über mittelalterliche Dämonologie beiseite. Das fiel Jim wiederum auf. Er betrachtete den Buchrücken und stellte fest, dass er sie wortwörtlich „gerne mal … würde“, vor allem wegen ihrer Figur, aber auch wegen ihrer intellektuellen Neigungen.
„Ich hatte schon immer eine Schwäche für euch größenwahnsinnigen, kleinen Plastikhexen, die denken, sie wären irgendwie erleuchtet, nur weil sie lesen können und ein paar Beschwörungen aufsagen.“

Stella machte klar, dass sie ihm für jedes noch so obskure Experiment zur Verfügung stand und dass sie ihm gerne näher kommen würde.
Der Rest lenkte das Ganze aber bald zurück in die beschwörerische Richtung. Die drängendste Frage, die man natürlich einem Toten stellt, ist vor allem die nach dem Jenseits. Wie ist es bei Euch? Was erwartet einem danach?
Dazu konnte Jim aber nichts sagen.
Außer: „Ihr dummen, törichten Miniaturmagier. Denkt ihr wirklich, ich würde mich von da oben noch mit euren irrelevanten Fragen und Spielchen abgeben?“
Der Punkt ging an ihn.

Es stellte sich heraus, dass wir zwar den echten Jim Morrison gechannelt hatten, allerdings nur eine Art energetisches Überbleibsel seiner echten Person. Die Erscheinung war eine Projektion dessen, was von ihm auf dieser Welt übriggeblieben war. Sie war eine Mischung aus Energie und Erinnerungen, die sogar die Umstände ihres körperlichen Todes verdrängt hatte, ebenso wie Teile seines Lebens.
„Ich bin einfach nur. Ich liebe und lebe im Jetzt. Und ich schwebe.“

Dann verschwand Jim Morrison dorthin zurück, woher er aufgetaucht ist. Am Tag darauf kam der Regen. Es wurde kühler. Der Sommer war unwiderruflich „gone“.

Traumwahrsagen

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Irgendwann im Sommer des zweiten Schuljahres hat sich eine ganz neue Mode ausgebreitet. Sie war einer pharmazeutischen Erfindung zu verdanken, die angeblich auf alte Hexenkunst zurückging. Von einem großen Pharmakonzern wurde ein neuartiges Schlafmittel auf den Markt gebracht. Dieses war in der Lage, das Bewusstsein für wenige Minuten wegdösen zu lassen und einen zukunftsweisenden Traum zu bescheren. Immer!

Sternenhimmel mit Feuerwerk

Wahrheitstraum

Die Wahrsageakademie bestellte gleich auf Vorrat. Es war abzusehen, dass dieses neue und begehrte Mittel eine Revolution unter Wahrsagern und Hellsehern auslösen dürfte. Tarotkarten, Kristallkugeln oder Orakel, sie alle konnten mit den neuen und schillernden Zukunftsträumen nicht mithalten. Diesmal wollten die Dozenten schneller sein und die Substanz so bald wie möglich in den Unterricht integrieren. Man überlegte schon, ein neues Fach einzuführen: Wahrsagen mit Traumpräparaten. Man fühlte sich auf der Welle einer neuartigen Renaissance reiten, die Elemente des Mittelalters und der Antike in unsere moderne esoterische Welt zurückbrachte. Das galt für die Schüler, die Lehrer, eigentlich für alle Leute, die sich für Esoterik, Tarot und die Zukunftsdeutung interessierten.

Die Nachrichten in diesen kurzen Träumen waren nie sehr eindeutig. Doch es kam etwas Besonderes in das Bewusstsein, etwas sehr Progressives. Da gab es Träume, in denen man alleine durch Schlossalleen spazierte, mysteriösen Wesen begegnete oder sich selbst mit verzerrter Echostimme sprechen hörte. Dampflokomotiven, die größer waren als Kreuzfahrtschiffe, brachten einen an utopische Ziele, die auf keiner Landkarte verzeichnet waren, weil nicht von dieser Welt. Die Menschen, die einem in diesen Träumen begegneten, hingen manchmal an Maschinen, die ihnen Leben ermöglichten oder ihre übersinnlichen Fähigkeiten extrem steigerten. Ihre Nachrichten hatten stets etwas von einem Orakelspruch oder einer Prophezeiung. Manchmal sprach man auch mit Tieren, die einen vor zukünftigen Gefahren warnten. Einige Schüler begegneten in einer Bar alle demselben Menschen. Es war ein breitschultriger Barkeeper mit zurückgegelten Haaren und einer tiefen Narbe, mal auf der linken, dann wieder auf der rechten Gesichtshälfte. Er wirkte mürrisch und auch ein wenig hinterhältig, aber er hatte stets eine treffende Vorausschau zu bieten.

Das Medikament stieß ein neuartiges Tor auf. Eine klare und geordnete Welt bekam auf einmal etwas Surrealistisches. Die Grenzen zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit schienen immer mehr zu verschwimmen. Die Wahrsagungen, die man nach einem solchen Traum von sich gab, wirkten auch zunehmend wie ein Wunschkonzert. Nicht die objektive Welt war mehr die bestimmende Realität, sondern unsere inneren Vorgänge, denen sich die Materie unterzuordnen hatte. Einige Leute fanden recht bald einen Weg, ihre Leben völlig nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Wir hatten plötzlich Villenbesitzer unter den Lehrern und Schülern. Einer der Dozenten, der tatsächlich von einer geheimnisvollen Millionärsfamilie mit einem Faible für Spukhäuser ein kleines Vermögen grundlos geschenkt bekam, setzte sich sofort zur Ruhe. Kurz darauf folgten auch jene Schüler seinem Beispiel, die wie er anscheinend das Geheimnis gelüftet hatten, die Zukunft, die ihnen im Traum vorhergesagt wurde, im voraus zu gestalten.

Sehr bald wurde das Traummedikament vom Markt gezogen. Angeblich verstieß es gegen so ziemlich jede Vorschrift, gegen die ein Medikament nur verstoßen konnte. Juristen war es ein Rätsel, warum es überhaupt zugelassen wurde. Der zuständige Produktmanager des Pharmakonzerns war auf jeden Fall verschollen. Das letzte mal, als man ihn sah, brach er alleine auf eine Himalaja-Expedition auf. Seitdem galt er als vermisst. Die übrigen Verantwortlichen konnten sich gleich gar nicht erklären, wieso das Präparat in den Handel kam.

Uns Schülern der Akademie – und vermutlich noch Millionen anderer Menschen – freute dieser kleine „Fehler“ der Industrie, ganz zu schweigen von jenen Lebenskünstlern, die herausfanden, wie sie mithilfe ihrer Träume das Leben in ein Wunschkonzert verwandeln konnten. Alle fühlten eine sehr ähnliche Wahrheit. Das neu entdeckte Potenzial wurde zwar durch das Präparat entdeckt, doch das Gesehene war Wirklichkeit und keine Illusion. Wahrsagen, Wunscherfüllung und das magische Gestalten der Realität, das alles schlummerte im Menschen und seiner Wahrnehmung, nicht in irgendeiner Substanz, die nicht mehr erhältlich war und deren Zutaten mit dem Produktmanager verloren gingen.

Der Unterricht kehrte recht bald zur Normalität zurück, doch nach den Erlebnissen, nach den Möglichkeiten, die vor unseren Nasen gehalten wurden, sollte nie wieder etwas so sein wie zuvor.

Das Phrasenschwein

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Als es langsam immer wärmer wurde und der Frühling immer mehr das Gesicht des Sommers zeigte, schmissen wir eine Klassenparty. Unter freiem Himmel. Wenn die Temperaturen steigen hat man eben Lust, sich häufiger draußen zu bewegen. Also stimmten wir über einen geeigneten Ort ab, an dem man auch grillen konnte, und verteilten die Lasten. Unser größter Financier war dabei das Phrasenschwein.

In der Klassenkasse befand sich ein ganz ordentlicher Betrag, den wir natürlich unserem Sparschwein verdankten, das jedes mal, wenn jemand eine abgedroschene Phrase oder eine altkluge Weisheit von sich ließ, einen Fünfer aufnahm. Leicht verdientes Geld auf einer Schule für Wahrsagen und Esoterik.

Am schwersten hatten es dabei die Lehrer:

„Wie oben so unten.“
„Phrasenschwein!“

„Jeder Pol hat seinen Gegenpol.“
„Das macht einen Fünfer!“

„Alles ist relativ.“
In diesem Fall genügte ein mitleidvoller Blick der Klassengemeinschaft und der Lehrer zahlte halbwegs unaufgefordert.

Phrasenschwein

Das Phrasenschwein

Das Phrasenschwein hatte einen wirklich positiven Effekt auf den Unterricht. Da unsere Dozenten kein Interesse daran hatten, das Klassenzimmer mit Miesen zu verlassen (Einkommen abzüglich Strafzahlungen), peppten sie den Unterricht auf. Keine abgedroschenen Sätze mehr, keine langweiligen Zitate. Und wenn eine Phrase unvermeidlich war, musste eben in die Tasche gegriffen werden. Als Alternative konnten die Lehrer die Phrase auch mit Vorwarnung anmelden. Dann wurde keine Gebühr fällig. Dennoch wurde eine solche Ankündigung nicht gerne gesehen.

Alles Gute findet mal sein Ende. Bald wurden immer mehr Begehrlichkeiten einzelner Leute oder kleiner variierender Gruppen durchgesetzt. Es wurden Wörter indiziert und somit für den Unterricht nur noch bei Zahlung der Strafgebühr zugelassen. Wir wählten Unwörter der Woche, die natürlich auch danach noch auf dem Index blieben. Wir erweiterten die Phrasenregelung auf Aussagen, die in den Gängen gemacht wurden, wenn sie vor oder nach dem Unterricht stattfanden. Wir entschieden sogar, Wörter zu verbieten, die von bestimmten Lehrern sehr häufig benutzt wurden wie „also“ oder „gell“. Wenn jemand nieste und eine andere Person versehentlich „Gesundheit“ sagte, kostete das auch einen Fünfer. Ebenso wie die Erwiderung „Was ist an diesem Morgengut?“ auf ein normales „Guten Morgen.“ Und so kam es dann, dass die Lehrer über eine eigene Verfügung Phrasenschweine für ungültig erklärten, zumindest im Unterricht und in allen anderen Lehrer-Schüler-Interaktionen. Das war der Tag, als unsere Phrasenschweine zu ordinären Sparschweinen degradiert wurden.

Dabei begannen gerade andere Klassen uns nachzueifern und ihre eigenen Phrasenschweine einzuführen. Die von der Parallelklasse bastelten sich im Kunstunterricht sogar eine Phrasenmumie aus Klopapier und Kleister. Sie war einen Meter hoch war und in ihrem Mund befand sich ein Schlitz für die Scheine und Münzen. Zum Einsatz kam sie leider nie. Zumindest nicht sofort und auch in einer ganz anderen Funktion. Doch das geschah in einem anderen Schuljahr und hatte nichts mit Phrasen, Menschen oder Regeln zu tun.

Kunstunterricht für streunende Katzen

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Auf der Wahrsageakademie bekam der Kunstunterricht einen besonderen Stellenwert. Dem Malen und Zeichnen wurde viel zeit gewidmet. Der damalige Rektor betrachtete die künstlerische Darstellung als intuitive Selbsterfahrung und somit als Wahrsagetraining. Wir hatten jede Woche drei Doppelstunden. Den meisten gefiel es und der Rest konnte meist ebenfalls damit leben, mit Temperafarben herumzuklecksen anstatt numerologische Geheimnisse auf rechnerischem Wege zu entschlüsseln.
Wessen Werke bei der Kunstlehrerin Interesse weckte, durfte sogar mit Ölfarben experimentieren. Die besten Bilder des Halbjahres wurden prämiert und in der großen Pausenhalle aufgehangen. Es war das große Artprojekt der Schule. Sogar die Presse berichtete darüber, was damals noch wirklich nicht so häufig vorkam. Wer da landete, hatte nicht ur eine eins in diesem Nebenfach sicher, sondern konnte vielleicht sogar eine Erwähnung im Stadtanzeiger erhalten. Trotzdem wollten einige Schüler mehr.

Ölmalerei zerspringt

Kunst und Materie

Es kam in Mode, seine Bilder zu verhexen. Das fiel eigentlich niemandem besonders schwer, vor allem nicht den Leuten, die gut in Kunst waren. So begannen die Bilder irgendwann kleine Steinchen auf Schüler zu schleudern, es über ihren Köpfen regnen zu lassen oder ihnen Verunglimpfungen hinterherzuflüstern. Noch häufiger waren aber die Lehrer Opfer dieser Streiche. Leider dauerte es nicht lange, bis die Lehrer ein Gegenmittel gefunden hatten. Mit einem Gegenfluch klapperten sie sämtliche Werke ab. Die schuldigen Bilder verloren an Stabilität und verwandelten sich in eine Art Antimaterie, die aber nur jede Farbe aus dem Bild nahm. Übrig blieb eine Art Tiefschwarz auf Leinwand, das einem Gänsehaut einjagte. Doch gegen die Lehrer gab es zum Glück auch einen guten Fluch. Wer fleißig und kreativ war hatte im Kusntunterricht schließlich gelernt, mit Ölfarben umzugehen. Um gegen die Macht der Lehrer geschützt zu sein, hatte man sie mit einem Schutzschild zu versehen.

Kurz vor Ostern wurden die neuen Bilder gekürt. Da man den Verhexern von Seiten der Schule diesmal sofort auf die Schliche kommen wollte, begannen einige freiwillige Lehrer diesmal sofort loszulegen und testeten die Farben auf den Bilder auf ihre spirituelle Integrität. Eigentlich hätte sich nichts tun dürfen, wie bei einem normalen Bild. Doch anscheinend hatte sich da jemand mit dem Schutzzauber verrechnet, denn er war nicht in der Lage, sich dem Willen der erfahrenen Lehrkörper völlig entgegenzustellen. Und so zersprangen die Gebilde und gemalten Formen in Millionen Stücke, wie üblich, doch anstatt einem grusligen Tiefschwarz zu weichen blieben sie irgendwann stehen. Und das vor den Augen der Presse, die gleich über das Wunder von der Akademie berichten konnte. Ein Sammler aus Kanada bot fünf Millionen für alle Gemälde – und die Schule, die der rechtmäßige Besitzer von Allem war, was jemand in der Zeit auf der Akademie erstellte, willigte ein.
Die Mittel flossen einem wohltätigen Zweck zu. Der Rektor hatte eine Schwäche für Katzen. Und so öffnete, auch dank unserer Arbeit, nicht weit der Wahrsageakademie ein Heim für streunende Katzen.

Der Zombie-Aprilscherz

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Markus war bei uns so etwas wie der Klassendödel. Er führte sich einfach so peinlich auf, dass man Magenkrämpfe bekam. Es zählte zu den Strebern. Das lag nicht etwa daran, dass die ihn sonderlich mochten. Er fand einfach jene esoterischen Dinge gut, für die sich die Klassenstreber ebenfalls interessierten, also weniger Schwarze Magie, sondern dafür mehr Engelbotschaften und wissenschaftlich fundierte Divination.
Was Markus aber nicht kapierte war, dass die cooleren Leute, die etwas experimenteller unterwegs waren, das nicht taten, um krass und Outsiders zu sein, sondern aus tatsächlichem Interesse. Und auch die Streber fuhren nicht deswegen auf Engel oder Feen ab, weil sie es etwa in ihrer Einfalt nicht besser wussten, sondern weil sie daran glaubten und es für den Weg hielten, der für sie der beste war. Für Markus existierten solche Dinge wie Glauben und Interesse nicht. Er wollte vor allem dazugehören, wollte es Leuten recht machen und hatte absolut keine eigenen Positionen. Wie man weiß kann eine solche Haltung in keiner Schule zu einem guten Ruf führen, wenn man nicht zufällig ein extrem gewinnendes Charisma besitzt. Markus hatte jedenfalls keines.

Clown der Angst vor Zombies hat

Zombiealarm!

Irgendwann im März beschloss Markus, die Streberecke zu verlassen. Er bemerkte, dass er trotz ideologischer Gemeinsamkeiten keine Freunde fand, zumindest nicht auf die Weise wie er sich das vorstellte. Natürlich wollte Anabel nicht mit ihm ausgehen, nur weil er, wie viele andere auf der Schule, sich zufällig auch für Numerologie interessierte, ebenfalls eine Streberdomäne.
So entschied sich Markus, zur Dark Side zu wechseln. Das wirkte natürlich ein wenig lächerlich. Er kam weniger wie ein Vampir oder ein düsterer Magiegelehrter, sondern eher wie deren Gehilfe rüber. Und zwar wie jene Sorte, die völlig inkompetent sind und deshalb verheizt, geopfert oder verraten werden.

Es war kurz vor Aprilanfang, selbst die dunkelsten Grufties hatten den Winter bereits völlig satt, da suchte Markus auffällig die Nähe Nestors. Um zu mehr delikaten Informationen zu kommen, wie er verkündete. Dazu muss man sagen, dass Nestor ein typischer Geheimgelehrter der alten Schule ist. Sein voller Name lautet Nestor von Wolfenstein. Er entsprang einem Geschlecht von Blutern, alles traditionelle Alchimisten und geheimpolitische Ränkeschmieder. Die gesamte Familie gehörte zu den Leuten, die viele Leichen im Keller hatten, vermutlich das Geheimnis des Steins der Weisen in ihren Besitz wähnten und in Drittweltländern mit vielen Rohstoffen Schürfrechte besaßen, vermutlich weil sie den letzten Militärputsch mit einfädelten.
Mit Nestor selbst konnte man gut auskommen, solange es bei einem oberflächlichen Verhältnis blieb und die Etikette gewahrt wurde. Die bedeutete vor allem eines: Fernbleiben und keine Neugierde an seinen Aktivitäten oder schulischen Fortschritten zeigen. Markus hatte für solche sozialen Spitzfindigkeiten kein Gespür. Er kam auf die Kumpelschiene und auf „wir beiden geheimnisvollen Außenseiter“.

Das Sonderbare war, dass Nestor irgendwie darauf einstieg. Sie hingen tatsächlich in der Pause zusammen herum und blätterten gemeinsam in Unterlagen. Das fanden andere Schüler wie Stella oder Radu sehr merkwürdig. Da man zu Nestor eigentlich kein übles Verhältnis hatte, konnte man da schon mal nachfragen, was genau die neue Freundschaft zu Markus auf sich hatte.

Wie geahnt verfolgte diese Freundschaft andere Zwecke, als es Markus lieb war. Nestor hatte vor, wen wundert’s, ihm eine Lehre zu erteilen. Er war erleichtert, dass wir sofort bemerkten, dass da was nicht stimmen konnte. Ihm war diese demonstrativ zur Schau gestellte Freundschaft ein wenig peinlich, wie er zugab.

Für seinen Aprilscherz benötigte er Stella. So offen und teamorientiert kannte man den jungen Baron von Wolfenstein nicht, sodass wir kurz Angst hatten, nicht selbst Opfer eines Scherzes hinter dem Aprilscherz zu werden. Doch dagegen trafen wir unsere Maßnahmen. Stella, deren Fähigkeiten wirklich immer erstaunlicher wurden, hielt dafür einen beschworenen Golem in der Rückhand.

Als Markus sich am 31. März kurz vor Mitternacht mit einem Spaten auf den Friedhof schlich, war schon alles vorbereitet. Nestor kam auf die Idee, wie einst Frankenstein einen Humunkoloss zu erschaffen und gewann Markus als seinen Gehilfen, der ihm nun eine Leichte zu besorgen hatte. Der Klassendödel war wohl dazu bereit, denn er begann tatsächlich zu graben. Dabei scheute er nicht einmal davor zurück, das Grab eines verstorbenen Priesters zu entweihen. Das konnten wir so nicht zulassen, einfach weil es zu weit ging. Aus dem Grund belegte Stella die Gebeine des Predigers mit einem kleinen Fluch.
Als Markus seine ersten Spatenstiche begann, setzte sich etwas unter der Erde ebenfalls in Bewegung. Markus grub tiefer, das andere Dinge stieg höher, bis es schließlich aus der Erde schoss. Es war eine Skeletthand, die sich plötzlich um den Hals des Klassendödels legte. Das war Stellas Werk. Man kann sich denken, wie Markus brüllte und schrie. Damit hatte er nicht gerechnet. Er befreite sich von der Hand und rannte.

Am nächsten Tag in der Klasse, es war der erste April, erschien Markus pünktlich, auch um seinem neuen Meister von seinem Versagen zu berichten. Dieser wollte das gar nicht Einsehen, machte sich über ihn lustig, wie man denken konnte. An der Erschaffung eines nekromantischen Humunkoloss beteiligt sein wollen, aber vor einer lebendig gewordenen Zombiehand des Weite suchen. Demonstrativ wandte sich Nestor von seinem Gehilfen ab. Doch was dann folgte, verschlug uns allen die Sprache. Stella und Nestor erzeugten mit vereinten Kräften ein wahnhaftes Spektakel.

Als Markus alleine am Schulklo war, setzten sie sich in Bewegung. Sie kamen von Irgendwo und verstopften plötzlich das halbe Stockwerk. Eine Armada von Zombies hatte nur ein Ziel, nämlich Markus zu berühren. Ihr Brummen wurde immer lauter, bis man auf einmal Verzweiflungsschreie aus dem Klo hörte. Das ging ungefähr eine Halbe Stunde so, da jeder einzelne Körper sich erst auflösen konnte, sobald eine Berührung mit Markus stattfand. Und diese Berührungen fühlten sich eklig an, wir hatten das vorher an uns selbst getestet. Irgendwann hörte mit dem letzten Zombie das Geschrei auf. In der Toilette fanden wir einen wimmernden Möchtegernnekromanten vor.

Eigentlich war es der fieseste Aprilscherz, den es je auf der Wahrsageakademie gab. Oder zumindest der Zweitfieseste. Doch der Scherz erfüllte auch einen positiven Zweck. Gut möglich, dass Markus so seine Bestimmung fand. Denn er meldete sich von der Akademie ab und beschloss Priester zu werden. Um dem Licht zu dienen, wie er allen erklärte, und nie wieder mit der Dunkelheit in Berührung zu kommen. Dabei blickte er uns an, als ob wir die Vertreter der Dunkelheit waren. Gut, dass man ihm nicht die Möglichkeit gab, sich der heiligen Inquisition anzuschließen.

Glückskekse

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Nach der Schule aßen wir manchmal bei einem Chinesen, nicht weit von der Akademie. Manchmal ging es auch erst nach Hause und dann traf man sich dort am Abend, als Vorprogramm zum eigentlichen Ausgehen.
Aber egal zu welchem Anlass wir in das chinesische Lokal gingen, die Glückskekse waren immer eine Attraktion. Kein Wunder, schließlich saßen da lauter angehende Wahrsager und Magier am Tisch, die mit Weissagungen konfrontiert wurden. Oft belustigte man sich an den Glückskekssprüchen, einfach weil die kleinen Zettelchen in den meisten Augen nicht wirklich mit den komplexen Tarotlegungen aus der Schule konkurrieren konnten. Doch wie so oft üblich können auch die einfachsten Weissagungsmethoden oft die erstaunlichsten Ergebnisse liefern.

Was aber Ronny geschah, das kam sogar in die Schülerzeitung. Er sollte aufpassen, dass ihm keine Fliegen in den offenen Mund flogen, riet ihm damals sein Glückskeks. Was soll man zu so einem Ratschlag schon sagen. Gut, mach ich – keine Angst wird schon nicht. Wir vermuteten, dass „Fliegen in den Mund fliegen“ für etwas anderes stand, etwas chinesisches, das nicht wortwörtlich zu nehmen war. Der Kellner konnte auch nicht weiter helfen.

Später auf dem Weg in das „Trash“, einer der damaligen Top-Discos im Ort, fuhr Ronny, angetrunken vom Reiswein, mit dem Fahrrad Schlangenlinie. Plötzlich warf es ihn hin, und er begann mehr oder weniger um sein Leben zu röcheln. Anscheinend konnte er nicht atmen. Wir standen alle apathisch herum, zumal sich die beiden Klassenstreber, Thomas und Anabel auf ihn stürzten und alle möglichen Erste-Hilfe-Maßnahmen durchführten. Erst ein Tritt von Radus Knie in Ronnys Rücken sorgte für Besserung und rettete ihm womöglich das Leben. Denn der Tritt brachte Ronny endlich dazu, die fette schwarze Schmeißfliege auszuwerfen, die sich irgendwie in seine Atemwege verfangen hatte. Ronny hätte wirklich auf den Glückskeks hören sollen, anstatt sich laut über einen solchen dummen Aberglauben lustig zu machen. Das jedenfalls bekam er den Rest seiner Schulzeit zu hören. In der ganzen Schule war er ab diesem Augenblick der Typ, der beinahe an einer fetten Fliege erstickt wäre, obwohl ihn keine zwei Stunden vorher ein Glückskeks davor gewarnt hatte.

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