Fasching in der Wahrsageakademie

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Immer wenn es in unserer Schule auf die Faschingszeit zuging, hätte man meinen können, dass die Toten aus ihren Gräbern auferstanden wären, dass die in die hinteren Winkeln des Abyssos verbannten Sukkubusse einen Weg zurück auf die Erde gefunden hätten und alle möglichen Personen aus der Geschichte aus dem Totenreich zurückgekehrt wären.
Auch an einem normalen Schultag ging es auf der Wahrsageakademie manchmal zu wie an Fasching. Alleine schon Stella mit ihrem lebendigen Schlangen in ihren Haaren oder Radu, der manchmal wie Bela Lugosi aussah. (Nicht Bela Lugosi, die untote Ratte des gleichnamigen Punkers „Ratte“, sondern der Vampirdarsteller.) Man hätte meinen können, dass man so etwas an einem Kostümfest nicht übertrumpfen konnte. Doch die gesamte Akademie bewies jedes mal, dass es immer noch möglich war.

Radu ging da mit besonders gutem Beispiel voran. Während er im Alltag wie ein normaler Vampir aussah, schien er an Fasching in den Krieg zu ziehen, mit Morgenstern, Helm und einer wie aus dem Museum gestohlenen Ritterrüstung. Vermutlich hatte er die noch aus dem Schloss seiner Eltern in Rumänien.
Obwohl ich nicht immer darauf erpicht war aufzufallen, an Fasching trat ich gerne mal aus der unauffälligeren Rolle und zeigte etwas Farbe. Ich ging als Alien, und zwar nicht als der freundliche E.T., sondern als das Alien aus dem Film „Alien“. Meine Eltern arbeiteten beim Film und schufen gerne solche Kostüme aus PVC und anderem Kunststoff. Da es auf Faschingspartys meist dunkel war, konnte ich Leuten, die zur falschen Zeit am falschen Ort um die Ecke kamen, manchmal einen riesigen Schrecken einjagen. Ein als Fee verkleidetes Mädchen überschüttete mit tatsächlich mit Weihwasser. Es war ein Reflex, wie sie nachher lachend meinte.
Wie erwartet deklassierte Stella mit ihrer Illusionsmagie all unsere Kostüme. Sie ging als Banshee. Und wenn Stella als böse Geisterfee ihr Unwesen trieb, war sie transparent. Alle nahmen sie durchsichtig wahr, die gesamte Jury des Maskenballwettbewerbs, alle Anwesenden, die staunenden Lehrer. Sie schwebte einen halben Meter über den Boden und ihre Stimme erzeugte Echos, während sie sprach. Das hörte sich dermaßen faszinierend an, dass ich sie dauernd in ein Gespräch verwickelte. Irgendwann gingen wir Hand in Hand nach draußen in den Schulhof. Mehr was da aber nicht. Das musste wirklich merkwürdig ausgesehen haben. Ein Geist und ein Alien, die am nächtlichen Himmel gemeinsam nach dem von Wolken bedeckten Mond suchten.

Die wahrsagenden Roboter

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Unter den Schülern der Wahrsageakademie herrschte eine recht vielfältige Kultur. Dabei handelte es sich genau genommen um Subkultur. Trotz all der individuellen Erscheinungsabsichten konnte man die Schüler oft sehr eindeutig in Kategorien einteilen.

wahrsagerobby

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Natürlich gab es die Normalos oder Streber. Sehr viele Schüler bzw. Studenten der Akademie waren sehr engagiert, wollten nicht anecken oder böse auffallen und waren die reinsten Paukmaschinen, sobald Klausuren anstanden oder Wissen sonst wie abgefragt wurde. Neben diesen Strebern gab es noch vor allem die Grufties und Waver, die nur schwer voneinander zu unterscheiden waren. Die Waver waren vielleicht weniger morbide. Neben all den anderen weniger stark vertretenen Subkulturen wie den Poppern, Psychos oder Avantgardisten gab es zwei Gruppen, die man als völlige Ausnahmeerscheinungen betrachtete und die es zahlenmäßig gemeinsam auf höchstens fünf oder sechs Leute brachten. Damals hatten wir noch keine Ahnung, dass sie die Zukunft ewigjugendlicher Milieus waren und später noch stark an Quantität zulegen würden. Es waren die Rapper auf der einen Seite und die Nerds – oder auch Geeks – auf der anderen.

Ja, es gab wirklich Esonerds. Und folglich war es nur eine logische Konsequenz, dass unsere Schulnerds irgendwann wahrsagende Roboter bauten, die Orakelsprüche und Zukunftsprognosen verkündeten.
Für Nerds sind Roboter so etwas wie Kultgegenstände. Unsere esoterisch wie divinatorisch affinen Schulgeeks waren dafür naturgemäß genauso leicht zu begeistern wie Teeniemädchen für Gossip, Mode und Popmusik. Nur während die Nerds anderer Schulen Killerbots erschufen, die gegeneinander antraten, um sich mit Kreissägen und Bohrern gegenseitig zu verschrotten, beschlossen unsere lieber friedlich zu bleiben und hellsichtige Roboter zu erschaffen. Für das Wahrsagen war bei diesen frühen mechatronischen Prototypen ein kleines Programm zuständig, das natürlich mithilfe eines Zufallsgenerators Prophezeiungen nach dem Losverfahren ausspuckte.

In unserer Klasse hatten wir zwei davon herumstehen. Eigentlich war es nur einer, da sich der andere zumeist in der Reparatur befand. Die Lehrer hatten nichts dagegen, dass ihr Unterricht gelegentlich mal von einem Kommentar unterbrochen wurde.
Orakelsprüche wie „Heute wird sich wohl jemand verlieben.“, erzeugten so manches „Ohh!“ und „Wie süüüß!“. Und selbst Deutungen wie „Ein guter Tag zum Sterben.“ oder „Tanz mit den Teufeln.“ wurden eher inspirierend aufgefasst. Einmal debattierten wir sogar zwei Schulstunden lang über den Kantschen Imperativ, der Rashids Roboter mal entfuhr, als der Rektor wegen Bestechung und Steuerhinterziehung eine polizeiliche Durchsuchung der Schulbüros verschuldete. Das sollte sich aber als falscher Verdacht herausstellen.

Wie alle guten Dinge nahm es auch mit den Wahrsagerobotern ein Ende. Es war die Dekadenz und das ständige Überschreiten neuer Grenzen, das ihren Exodus in die hintersten Winkel der Schränke ihrer Erbauer förderte. Als erstes beschwerte sich Anabel, weil sie ein paar der Sprüche als diffamierend empfand. Anabel war auch die zweite, die sich bescherte, weil die Roboter irgendwann anfingen, ihr Röckchen zu lüften oder ihr diskriminierend hinterherpfiffen. Nach diesen Harmlosigkeiten wurden die Maschinen aber auch wirklich missbräuchlich genutzt, und zwar zum Spicken während Prüfungen.

Das war aber nur das vorübergehende Ende der Roboter. Rashid sollte Jahrzehnte später in die Heimat seiner Eltern zurückkehren und dort eine ganze Fabrik kaufen, um die örtlichen Marktplätze und anderen Treffpunkte mit Wahrsagerobotern zu versorgen, die ihren Besitzern jede Menge gespendeter Rupien für Zukunftsdeutungen nach dem Losprinzip einbringen sollte. Doch das ist eine andere Geschichte.

Valentinstag der Liebe

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Wer denkt, dass der Valentinstag auf der Wahrsageakademie keine Bedeutung hat, nur weil die Leute eher in schwarz und in Leder, als in rosarot daherkommen, irrt einfach. Klar, der Valentinstag ist bunt und ein Geschenk an die Blumenlobby. Doch es werden Leute zusammengebracht, die gerne einen Partner hätten, für wie lange und für was ist mal zweitrangig.

Da konnte man noch so alternative Musik auf der Party spielen. Ob man seinen Schieber zu New Wave oder zu den Top Ten Hits tanzt spielt am Ende keine Rolle. Es ist immer noch eine Valentinsparty.

Die Streber/innen auf der Wahrsageakademie haben sowieso keinen Hehl daraus gemacht, was sie von einem solchen Tag der Liebe halten, nämlich sehr viel. Die Tarotkarten kamen gar nicht mehr zur Ruhe, bei all den Fragen. Eine der Streberinnen, Anabel, hat sogar ein eigenes Liebestarot gezeichnet, das sie für Fragen konzipiert hat, die mit dem Zusammensein und Beziehungen zu tun haben, oder auch mit nicht erwiderten Gefühlen, was ebenfalls zu einem Valentinstag gehört.

Anabel konnte eine Valentinsverabredung mit einem der älteren Jungs aus der Abschlussklasse verbuchen, so wie das Liebestarot ihr das prophezeit hat. Sie meinte unbedingt Stella provozieren zu müssen. Sie fragte sie nach ihrem Date und verzichtete nicht, ihr unter die Nase zu reiben, dass sie von dem Traumtypen schlechthin abgeholt wurde. Das alles wurde begleitet von abfälligen Gesten und unverhohlener Antipathie.

Stella blieb kühl und beantwortete die Frage nach ihrem Date sachlich.
„Ich denke ich werde einen Ritter der Goetia treffen.“, antwortete sie.
„Typisch …“, zischte Anabel. „Andere Leute suchen die Liebe, die greifst zu einem der schwarzmagischsten Bücher, die es gibt, und beschwörst damit einen Dämon.“
„Denkst Du etwa, wir werden keine Liebe machen?“, lachte Stella. „Und wenn wir damit fertig sind, werde ich ihn bitten, Dir deinen bescheuerten Abend zu vermiesen.“

Da das Date von Anabel wirklich katastrophal verlief, war diese Konversation der Beginn einer Feinschaft, die noch lange anhalten sollte. Doch das ist eine andere Geschichte.

Silvesterparty

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An der Schule wurde vor Weihnachten beschlossen, eine akademieeigene Silvesterparty zu veranstalten. So wie es die Leute auf der Akademie gerne mögen. Eine lokalprominente Lifeband sollte auftreten und zwei DJs, der gruftig-wavige aus dem Antischick, der elektronische aus dem St.Quentins. Wave und alternativer Rock sollte bis Mitternacht gespielt werden, Techno dann bis vier oder länger.

Als Silvesterbrauch setzte sich auf der Wahrsageakademie mit den Jahren das Bleigießen durch, wie so ziemlich überall. Nur dass wir verhextes Blei verwendeten. Das war in dem Jahr sogar wichtiges Unterrichtsthema, mit dem Tipp, die Unterlagen bei der Vorbereitung zur Halbjahresprüfung auf jeden Fall noch mal zu durchzuarbeiten.
Das Blei war auf eine Art verhext, dass es sich wie eine flexible Kombination aus Natur und menschlichem Bewusstsein verhielt. Das Blei bildete wirklich extrem künstlerische Formen, die es so nirgends auf der Welt gab. Nur war es leider nicht so stabil wie gewöhnliches Blei. Die Bleigießformen zerfielen kurz nach ihrer Betrachtung. Und nur der Benutzer konnte sie vollständig erkennen. Die gegossene Bleifigur anderer Leute nahm man nur als silbernen Nebel wahr. Bei Liebespaaren kommt es aber immer wieder vor, dass die auch problemlos die Figur des Partners betrachten können.

Ich fühlte mich befremdlich, als ich gegen Halbelf beim großen Bleigießen die Figur von Stella erkennen konnte. Wir hatten gerade mal eine Stunde miteinander gequatscht, wenn man die vergangenen eineinhalb Schuljahre in der Summe nahm. Warum sollte ausgerechnet ich ihren komischen Affen sehen, der etwas von einer indischen, wenn nicht atlantischen Gottheit hatte und auch etwas außerirdisches. Dagegen war mein kleiner Junge mit Gipsmaske richtig unscheinbar, wenn auch deutlich kafkaesker als Stellas Affengottheit. Viel wichtiger, wie man das ganze nun deuten sollte, war damals für mich die Frage, warum ich ihre Bleiwahrsagung sehen konnte. Und wenn man ihren verblüfften Gesichtsausdruck betrachtete, konnte sie auch erkennen was ich in der Hand hielt. In dem Augenblick stellte ich mir Stella ganz ohne Schlangen im Haar vor. Das war irgendwie der Höhepunkt des Abends.

Bela Lugosi ist tot

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Normalerweise durfte man in die Wahrsageakademie keine Tiere mitnehmen. Ratte war das aber egal. Ratte war Punker und hatte so absolut gar nichts gruftiges, poppiges oder sonstwie kulturelles an sich. In der Schule war er stets ein Außenseiter. Niemand verstand, warum er auf die Akademie ging. Er mochte weder die Fächer, noch die Lerninhalte und erklärte, dass es ihm einfach egal war, was er paukte. Er sah für sich und sein Haustier sowieso keine Zukunft. Vor allem sah er aber keinen Sinn darin, auf einer Schule Sachen auswendig zu lernen.
Die Wahrsageakademie war zwar auch nur eine Schule, aber immerhin interessierten sich die Leute für die Dinge, die unterrichtet und geprüft wurden. Vielleicht nicht für alles, aber für vieles. Vor allem wenn die Lehrer einem darauf aufmerksam machten, dass man für dieses oder jenes Wissen noch nicht bereit war. Dazu gehörte die Nekromantie, die erst im letzten Schuljahr unterrichtet wurde.

Ratte besaß eine wirkliche, lebendige, animalische Ratte. Daher auch sein Spitzname. Ihr Name war Bela Lugosi. Sie war laut Ratte alt, sehr alt, kurz vor dem abnippeln.
Stella mit dem Schlangenhaar geriet ungefähr zu der Zeit des Vorfalls, der noch beschrieben werden soll, in eine heftige Nekromantiephase. Sie musste einfach mit allem herumexperimentieren, was tot war. Keine totgeschlagene Fliege oder Spinne war vor ihr sicher. Derartiges wurde von ihr beschlagnahmt und sofort der Versuch unternommen, es wieder zum Leben zu erwecken, was aber nie funktionierte.

Wenn Ratte mit seinem gleichnamigen Haustier spielte, trat aber ein ganz besonderer Glanz in ihre Augen. Es war so, als ob sie eine besondere Bestimmung mit dem Tier verband. Vielleicht hatte sie auch etwas Nekromantisches mit Ratte selbst vor, doch das konnte nie bewiesen werden und darum geht es hier nicht. Gehen wir mal einfach davon aus, dass sie sich für Bela Lugosi interessierte und nicht für sein Herrchen. Die Sommerferien ließen dieses Interesse aber erst einmal verebben.

Als am 16. August das neue Schuljahr begann, es regnete, donnerte und war kalt, ruhte ihr Blick weiter auf Ratte. Gelegentlich fingerte sie unter der Schulbank herum und es war klar, dass sie irgend etwas mit ihrer Voodoopuppe anstellte. Zufällig war der 16. August auch der Todestag von Bela Lugosi – damit ist der echte Lugosi gemeint, der Dracula-Darsteller.

Etwas später stand Ratte auf. Er hatte Tränen in den Augen und alle sahen ihn an, einschließlich des Lehrers in „Christlicher Weltanschauung“, das neue Fach ab der dritten Klasse.
„Es ist Bela.“, stammelte Ratte. „Bela Lugosi ist tot.“
In diesem Moment leuchteten Stellas Augen vor Triumph auf. Der Lehrer in „Christlicher Weltanschauung“ war im Gegensatz zu dem Rest seiner Kollegen eher autoritär eingestellt. Man durfte selbst in die Wahrsageakademie keine Tiere mitbringen, und so musste Ratte mit seinem geliebten wie toten Bela Lugosi auf seinem Platz sitzen bleiben, bis zur Pause. Das war hart, denn Ratte schien wirklich mitgenommen zu sein.

Rattes Zustand war Stella natürlich egal. In ihrem Kopf gab es in dem Moment nur eines, den Kadaver von Bela Lugosi. Als es gerade zappenduster war, wegen des Sommergewitters draußen, war der Moment wohl besonders günstig. Stella murmelte ein paar altgriechische Beschwörungsformeln, nahm die Wurzel einer Alraune und deutete auf das tote Tier. Es blitze genau in diesem Augenblick. Und die gesamte Klasse wurde Zeuge eines kleinen nekromantischen Wunders. Bela Lugosi erwachte wieder zum Leben.
„Was hast du mit Bela gemacht, du Monster!!??“, flippte Ratte völlig aus, als sein Tier ihm aus der Hand glitt und unter die Schulbänke durchflitzte.

Es waren vor allem die Strebermädchen, die sich auf ihre Stühle stellten und schrien. Doch auch einige Jungs hatten das Bedürfnis, auf Tische und Stühle zu steigen, damit sie nicht von dem untoten Bela Lugosi berührt werden konnten. Dieser spürte die Panik und rannte umso wilder durch die Reihen. Er wirkte fast wie zu Lebzeiten, nur seine Augen schimmerten irgendwie grünlich.
Der Lehrer kam sich besonders schlau vor und versuchte Bela Lugosi mit seiner fetten Bibel zu erschlagen. Keine Chance.
„Lasst ihn am Leben!“, protestierte Ratte.
Das war leider unmöglich. Auch ohne offiziellen Nekromantieunterricht wussten alle, dass man Untotes nicht aus den Augen lassen darf. Das hätte eine kleine Epidemie zur Folge gehabt und die ganze Schule wäre früher oder später zu einem Hort untoter Nagetiere und Insekten geworden.
„Stella!“, giftete sie der Religionslehrer an. „Das hast du verbockt, also richte es wieder, bevor ich den Schulleiter rufe.“
Es war ein Stich in die Voodoopuppe, mehr nicht. Und schon schlug die untote Ratte Bela, die gerade an dem Schuh von Radu heftig knabberte, einen Salto. Dann blieb sie regungslos liegen.

Radu sprang auf: „Ich glaube, Bela Lugosi ist jetzt endgültig tot.“

Das Hexenbrett und der tote Werwolf

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Die erste Klassenfahrt sorgte schon im Vorfeld für viel Wirbel. Obwohl die gesamte 2a über das Reiseziel abgestimmt hatte und es ein eindeutiges Ergebnis gab, weigerten sich der Klassenlehrer und die Lehrkraft für esoterische Geschichte, mit uns nach Rotterdam zu fahren. Man hatte in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen damit gemacht. Somit wurde ein demokratisch zustande gekommenes Ergebnis aus Bequemlichkeit ignoriert, was für mehrere Artikel in der Schülerzeitung und Beschwerden beim Rektor führte. Natürlich brachte das lediglich ein wenig geheucheltes Verständnis. In einer neuen „demokratischen“ Abstimmung hatten wir dann die Wahl zwischen Einöde im Wald und Einöde in den Bergen. Wir entschieden uns wegen des nahe gelegenen gruseligen Friedhofes für die Berge. Und nahmen uns fest vor, uns schlimmer aufzuführen, als wir es in Rotterdam jemals getan hätten. Das klappte immerhin ganz gut.

Barnabas, der in unserem Zimmer war, nahm sein Hexenbrett mit. Ein Jahr später hätte er sich deshalb den Ruf eines Strebers zugezogen. Da der Umgang mit Witchboards in der zweiten Klasse noch verboten war, hatte das Ganze so jedoch etwas von einem geheimen Unterfangen, in das niemand sonst eingeweiht wurde.

So kam es, dass wir bei einer Séance Bobby kennenlernten. Bobby war nicht irgendein Geist einer verstörten Seele, die keine Ruhe fand. Er war ein Werwolf, jung gestorben, wenige Jahre nach seiner Schicksal weisenden Bar Mitzwa. Das war der Tag, an dem er und 200 Gäste herausfanden, dass er ein Werwolf ist.

Anscheinend war Bobby der erste Werwolf seiner Linie. Es gab keine Eltern, die ihn darauf vorbereiten konnten. Das Schicksal hätte ihn beinahe zum Werwolf-Urahn gemacht. Das erzählte er uns zumindest durch das Hexenbrett. Doch Bobby war so schockiert über die neu entdeckte Animalität, dass er Angst hatte, jemanden zu verletzen. Und so flüchtete er in den Wald und irrte die ganze Nacht herum. Als er sich wieder in einen Menschen zurückverwandelt hatte, traute er sich nicht mehr nach Hause zurück. So wurde Bobby nicht nur zum Wolfskind. Das Wolfsrudel, das ihn aufnahm, schien ihn sogar als Alphatier zu akzeptieren und befolgte seine Anweisungen. Und das obwohl er meist ein Mensch war.

Wir befragten in den folgenden Nächten immer wieder das Hexenbrett, um festzustellen, woran Bobby nun gestorben war. Doch der wollte damit nicht herausrücken. Wurde er von Dorfbewohner gejagt oder von einem stärkeren Werwolf, der sich in seinem Revier verletzt gefühlt hatte, zur Strecke gebracht? Erst als ein wenig Vertrauen aufgebaut war, rückte er mit der Wahrheit heraus.
Bobby fühlte sich zum anderen Geschlecht stark hingezogen und schlich sich immer wieder in die Nähe unseres Landschulheims. Dort trafen regelmäßig Klassenfahrten ein. Und einige Mädchen, frühere Schülerinnen der Wahrsageakademie, machten sich traditionsgemäß einen Spaß daraus, sich bei Vollmond selbstopfernd auf einem Grab dem nächsten Vampir oder Werwolf zur Verfügung zu stellen. Nur zu gerne war Bobby bereit, hier auszuhelfen, da es sonst keine Werwölfe und Vampire in der Gegend gab. Nur leider ging das nicht lange gut. So kam dann irgendwann eine Klasse mit starken schwarzmagischen Tendenzen in das Landschulheim. Aus einem besonders verwerflichen Grund brauchten sie das Blut eines Werwolfs. Erst wollte uns Bobby den Grund nicht verraten, doch wir beackerten ihn gemeinsam über das Witchboard, bis er schließlich damit herausrückte. Es ging darum, eine alte babylonische Gottheit zu erwecken, die irgendwo im Abyssos schlief.

Den gemeinen Jungs und Mädels gelang es tatsächlich, Bobby mit einer List zu überwältigen. Dieser war ganz auf den aufreizend hergerichteten Lockvogel auf dem Grab konzentriert und übersah die übrigen kleinen Bösewichte, die ihm mit Chloroform betäubten. Als er wieder zu Sinnen kam, fand er sich fast ausgeblutet als Teil eines Rituals wieder, angekettet und noch immer halb betäubt. Ihm wurde schnell klar, was vor sich ging und was da aus den Tiefen der untersten Hölle auf die Erde gerufen werden sollte. Und so rief er seinerseits sein Wolfsrudel, doch nicht um den Schülern den Garaus zu machen, sondern ihm selbst. Er befahl ihnen, ihn aufzufressen. Bobby musste bis zum Ende des Rituals am Leben sein. Doch den Gefallen tat er den dunklen Nachwuchsskolaren nicht.

Wir fassten nicht, dass er sich nicht noch rächte und bohrten weiter, was aus den schwarzmagischen Schülern wurde. Warum hatte er sie nicht bestraft? Wir mochten Bobby und fanden das, was ihm widerfahren ist, nicht in Ordnung. Doch der Werwolf-Geist erzählte, was weiter geschah. Durch den Abbruch des Rituals wurde die gefährliche babylonische Gottheit unabsichtlich in eine spirituelle Falle gelotst. Stark geschwächt musste sie in den Abyssos zurückkehren. Doch sie wusste ganz genau, wer die Beschwörer waren, die sie in diese Falle gerufen hatte. Sämtliche schwarzmagischen Schüler hatten kein besonderes Glück mehr in ihrem Leben. Sie landeten entweder in Nervenheilanstalten, brachten sich um oder wurden teilweise sogar von schleimigen Wesen in irgendwelche Tiefen gezogen.

Und die Moral der Geschichte, die uns das Hexenbrett erzählte: Man legt sich nun mal nicht mit einem Werwolf an, der einfach nur in Frieden leben möchte. Und babylonische Gottheiten beschwört man schon dreimal nicht.

Tarotkarten als Sammelbilder

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Jede Schule hat einen Kiosk, der Schüler mit Schreibutensilien, Süßigkeiten oder z.B. Sammelbilder ausstattet. Der Kiosk der Wahrsageakademie war logischerweise kein normaler Schreib- und Lottoladen. Lottoscheine konnte man da zwar abgeben, sogar verhexte, und auch Stifte oder Hefte wurden angeboten, doch wirkte das kleine Ladengeschäft wie ein Kiosk, der so tat, als ob das ganze Jahr über Halloween wäre. Kein Wunder, die Betreiberin war schließlich eine Hexe.

Neben Tageszeitungen und TV-Magazinen wurden dem Besucher Zeitschriften und teilweise auch Bücher zu allen möglichen esoterischen Themen angeboten. Wahrsagen und Tarot, Parapsychologie und magische Rituale, alternative Heilkunde und Chanelling. Man fand in den Regalen Räucherstäbchen und anderes Räucherwerk, Dolche, Statuen von Drachen und Feen, Zutaten wie Alraunen oder Bilsenkraut und viele weitere Produkte für den esoterischen Bedarf.

Die Kunden des Ladens waren vor allem gegenwärtige wie ehemalige Schüler der Wahrsageakademie. Auch die Besitzerin, die Hexe Samantha, ging einst auf unsere Schule. Kein Wunder, dass sie interessierten Anwohnern Termine für Tarotsessions, Rückführungen und ähnliche Beratungsleistungen in ihrem Hinterzimmer angeboten hat. Auch Akademieschüler nahmen gelegentlich Rat der erfahrenen Hexe an.

Das größte Interesse rief bei den Schülern aber alleine schon aus Tradition das jeweils aktuelle Sammelalbum eines Tarotkartenverlages hervor. Der Verlag brachte zu Beginn jedes Schuljahres ein Sammelalbum mit einem oder zwei Kartensets heraus, je nachdem ob es sich um ein umfangreicheres Tarotset oder um Wahrsagekarten handelte. Zur Zeit unserer 2a waren es zwei unterschiedliche Interpretationen von Lenormandkarten, eine eher naive und eine düstere mit vielen abstrakten Symbolen.
Als Schüler war man jedes Mal gespannt, welche Abziehbilder einen beim Öffnen einer Packung erwarteten. Man tauschte natürlich untereinander, doch es war nicht leicht, ein ganzes Album bis zum Ende des Schuljahres zu schaffen. Dafür musste schon ein wenig investiert werden.
Im nachhinein kommt es einem unlogisch vor, sich diese Abziehbildchen zu kaufen. Die abgebildeten Kartensets konnten nicht einmal zum Legen verwendet werden und ausschneiden brauchte man sie sicher nicht. Man gab also mehr Geld für das Sammeln aus, als die Bestellung der jeweiligen Tarotkarten bei dem Verlag gekostet hätte. Und trotzdem sammelten Generationen von Schüler wie verrückt diese Bilder. Vermutlich waren sie verhext. Doch vielleicht hatte der Verlag einfach nur eine geniale Marketingstrategie, oder einfach jenes Glück, zur richtigen Zeit das richtige Produkt angeboten zu haben, das schnell in die Lebenskultur der Wahrsageschüler überging.

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