Das neue Schuljahr hatte gerade begonnen. Doch statt Aufbruchstimmung und neuen Vorsätzen machte sich eine Art Hippiestimmung breit. Und das, obwohl es eigentlich schon Herbst war. Ein sehr warmer Herbst, allerdings. Eine Hitzewelle zog über das Land und sorgte dafür, dass man sich wie kurz vor Ferienbeginn fühlte. Da konnten einem die Dozenten noch so sehr mit neuem Stoff daherkommen. Wenn es nicht gerade freakig war, verloren die Lehrer sofort die Aufmerksamkeit eines großen Teils der Klasse.

Hippie kam frisch in Mode. Das war ein Phänomen für sich. Traditionell zählte die Wahrsageakademie eher der wavigen, gruftigen und teilweise sogar punkigen Subkultur an. Das Ansehen von Hippies hält sich in derartigen sozialen Gefilden sehr in Grenzen. Andererseits ist nicht alles gleich Schmuddelhippie, was aus den späteren Sechzigern und früheren Siebzigern kommt. Hendrix und Morrison genießen außerdem überall ein gewissen Ansehen, selbst wenn man mit der Musik nichts anfangen kann. Doch selbst das konnten wir.

Hippiegrafik

Aus einem kleinen Kassettenrekorder lief, wenn die Lehrersitauttion das zuließ, ständig etwas aus dieser Zeit. Nicht gerade die Mamas an the Papas oder die Beach Boys. Schon eher so etwas wie The Cream oder The Doors. Als Esoteriker in Ausbildung war es aufgrund solcher musikalischer Berieselung nur logisch, dass man irgendwann beginnt, verstorbene Hippies in einer Séance anzurufen.

Wir blieben etwas länger in der Schule und besetzen dafür einen offenen Raum. Eigentlich wollten wir das mit einem Pendel durchziehen, doch Stella überzeugte uns, schnell ein Hexenbrett zu basteln. Dafür zerlegten wir sogar eine Schulbank und ritzten mögliche Antworten hinein. Wir ahnten da noch nicht, dass die Antwort, die wir bekommen sollten, anderer Natur war.

Als der Abend langsam hereinbrach, kehrten wir aus dem Stadtpark, wo wir Musik hörten und gigantische Sandwiches aßen, in die Schule zurück. Radu torkelte ein wenig. Vermutlich hatte er zu viel Bier zu all den Sandwiches getrunken. Er meinte, er war zu beschäftigt damit, seinem Vorbild Jim Morrison zu folgen, um noch Sinne für die materielle Realität zu entwickeln. Sinn einer Séance ist aber nicht „folgen“, sondern „rufen“. Das ist ein gewaltiger Unterschied, vor allem wenn es um die Beschwörung der Geister von Verstorbenen dreht. Und diesen einen Geist versuchten wir, dann auch zu beschwören.

Es war erstaunlich einfach und erschreckend real. Als ob er nur darauf gewartet hat, uns zu erscheinen. Das machte er ganz spektakulär. Es war nicht nur der Marker des Witchboards, der ausschlug. Er erschien in voller Größe, wie ein Hologramm. Dabei ertönte eine Hintergrundmusik, die völlig unsere Spätsommerstimmung traf. Summer’s almost gone. Ohne zu wissen, woher die Gänsehaut kam, ob von der Poesie dieses Beatnikschamanen oder von der Tatsache, dass er schon lange Zeit in Paris begraben liegt.

Wir stellten ihm Fragen, doch er spöttelte nur und verwies uns auf die unzählige Literatur zu seiner Person. Er wollte weder Gefallen tun, noch welche Empfangen. Als Stella auf die Idee kam, Methoden der Dämonenanrufung auf Jim anzuwenden, sah er sie nur scharf an. Die hielt ein und legte ihr Buch über mittelalterliche Dämonologie beiseite. Das fiel Jim wiederum auf. Er betrachtete den Buchrücken und stellte fest, dass er sie wortwörtlich „gerne mal … würde“, vor allem wegen ihrer Figur, aber auch wegen ihrer intellektuellen Neigungen.
„Ich hatte schon immer eine Schwäche für euch größenwahnsinnigen, kleinen Plastikhexen, die denken, sie wären irgendwie erleuchtet, nur weil sie lesen können und ein paar Beschwörungen aufsagen.“

Stella machte klar, dass sie ihm für jedes noch so obskure Experiment zur Verfügung stand und dass sie ihm gerne näher kommen würde.
Der Rest lenkte das Ganze aber bald zurück in die beschwörerische Richtung. Die drängendste Frage, die man natürlich einem Toten stellt, ist vor allem die nach dem Jenseits. Wie ist es bei Euch? Was erwartet einem danach?
Dazu konnte Jim aber nichts sagen.
Außer: „Ihr dummen, törichten Miniaturmagier. Denkt ihr wirklich, ich würde mich von da oben noch mit euren irrelevanten Fragen und Spielchen abgeben?“
Der Punkt ging an ihn.

Es stellte sich heraus, dass wir zwar den echten Jim Morrison gechannelt hatten, allerdings nur eine Art energetisches Überbleibsel seiner echten Person. Die Erscheinung war eine Projektion dessen, was von ihm auf dieser Welt übriggeblieben war. Sie war eine Mischung aus Energie und Erinnerungen, die sogar die Umstände ihres körperlichen Todes verdrängt hatte, ebenso wie Teile seines Lebens.
„Ich bin einfach nur. Ich liebe und lebe im Jetzt. Und ich schwebe.“

Dann verschwand Jim Morrison dorthin zurück, woher er aufgetaucht ist. Am Tag darauf kam der Regen. Es wurde kühler. Der Sommer war unwiderruflich „gone“.